
Vom Birding höre ich das erste Mal ganz bewusst auf einer Gartenparty vor anderthalb Jahren. Radu ist neu in der Runde. Und er erzählt von einer Welt, die mir bis dahin völlig fremd war: Von Birdwatchern, die sich drum battlen, eine bestimmte Vogelart zu finden, von Ranglisten und einer globalen Community, voll mit Klatsch und Skandalen. Aber auch davon, dass er die kommenden Tage stundenlang am Neusiedler See verbringen will. Ich bin gehooked.
Anderthalb Jahre später hab’ ich zwar zwei Bücher über Vögel bei mir zu Hause stehen, aber immer noch keine Ahnung, wo ich denn eigentlich anfangen soll. Die Doku LISTERS: A Glimpse Into Extreme Birdwatching wird auf Youtube veröffentlicht, bei der man Extreme Birdern bei ihrer Competition zusehen kann: Wer erblickt mehr Vogelarten in einem Jahr? Wer mehr in einem spezifischen Gebiet usw., usf. Das ist zwar in der Theorie lustig, aber wirklich nichts für mich.

Zeit also, auf Radu zurückzukommen und mal wirklich nachzufragen: Was ist denn das Faszinierende am extremen und nicht so extremem Birding? Wo zur Hölle soll ich denn anfangen, einen Einstieg finden und die Bücher, die zu Hause liegen, auch in Verwendung bringen? Ich verspreche euch, es gibt einige Antworten.
Iris: Was ist das Faszinierende am Birding?
Radu: Es gibt unter Birding-Leuten eine bekannte Liste, die ein paar Motivationen zusammenbringt: The Seven Joys of Birdwatching.
Iris: Und was trifft auf dich zu?
Radu: Ich glaub’, ich kann mit allen Punkten was anfangen. Der Punkt, der mich seltsamerweise am wenigsten anspricht, ist Nummer eins. Die Schönheit der Vögel.
Iris: Das ist lustig, weil das wollte ich dich auch fragen. Weil, ich mein’, ich versteh die Faszination für Vögel, für die bunten Federn und so, aber ich hab’ mich gefragt: Magst du sie? Vögel sind doch total seltsame Kreaturen.

Radu: Ja, das find ich auch. Ich find’s immer etwas komisch, wenn Leute über die „Persönlichkeit“ von Vögeln reden. Vögel sind ja evolutionär gesehen viel näher an Reptilien als an Säugetieren. Und sie wirken auf mich einfach nicht besonders sympathisch. Ich mein’, klar, ich mag sie – sie sind super interessant –, aber ich kann mich irgendwie nicht mit ihnen identifizieren. Krähen und andere Corviden sind da ein bisschen anders. Die haben ein gewisses Maß an Selbstreflexion, sie verstehen sich selbst ein Stück weit. Da merkt man schon eher so etwas wie Persönlichkeit. Aber die meisten anderen Vögel? Die flattern einfach hektisch rum und suchen nach Futter.
Iris: Ja, und sie haben auch was Unheimliches, finde ich. Ich weiß nicht, sie sind einfach creepy. Wie sie sich bewegen, wie sie reagieren … Das ist so fremd, ich kann mich da überhaupt nicht reinfühlen.
Radu: Ja, das finde ich auch. Sie bewegen sich wie Reptilien, so ruckartig, unvorhersehbar, überhaupt gar nicht geschmeidig. Für mich ist das irgendwie der große Aha-Moment, wenn ich versuche, andere fürs Birding zu begeistern. Vögel an sich sind es meistens nicht.
Ich glaube, es gibt da unterschiedliche Wege rein. Bei mir war es definitiv über Listen. Weil ich war als Kind schon ein riesiger Fan von Listen. Ich hab’s geliebt, Dinge auswendig zu lernen und zu kategorisieren. Wir müssen jetzt nicht in die Psychologie dahinter eintauchen, aber ich war total besessen davon, Listen zu führen. Ich kannte alle Autos, alle Bäume, alle Flugzeuge, alle Züge. Ich konnte dir zu allem, was in einer klar abgegrenzten Kategorie lag, genau sagen, was es ist. Das ist ein Alfa Romeo. Das ist ein Vauxhall. Das ist ein Honda. Das doch ein Löffelreiher, das ist eine Ente, oder das ist ein Eurasischer Sperber.

Und dann, als ich mit meiner damaligen Freundin viel im Freien unterwegs war und mir auf den langen Spaziergängen einfach furchtbar langweilig war, weil mit Landschaften kann ich gar nichts anfangen, hab’ ich mir ein Fernglas gekauft und dann habe ich all diese Vögel plötzlich in echt gesehen. Das war schon sehr toll. So hat das alles bei mir begonnen. Und als ich nach Deutschland gezogen bin und dann auch sehr viel beruflich in China unterwegs war, da gab’s dann plötzlich viele völlig neue Arten an Vögeln. Das war im Grunde der Moment, in dem für mich die Welt des Birdwatching angefangen hat.
Iris: Das heißt, für dich ist das Ganze mit diesen Listen verbunden?
Radu: Hundert Prozent.
Iris: Es geht für dich also um das Gefühl, etwas von einer Liste abzuhaken?
Radu: Ja, genau, wobei’s für mich weniger um Listen geht, sondern eher ums Sammeln. Ich lieb’ es einfach, Dinge zu sammeln. Auch diese Art Listen sind Sammlungen. Als Kind hab’ ich Pokémon geliebt. Und genau so versuch’ ich auch, meinem Bruder das Birding schmackhaft zu machen – ich sag immer: „Es ist wie Pokémon, nur in echt. Und sogar besser.“ Wenn ich keine Vögel sammeln würde, würd’ ich halt was anderes sammeln. Wahrscheinlich Schallplatten oder Erstausgaben und dann wär’ ich längst pleite. Vögel sind da vergleichsweise günstig.
Aber klar, ich hab’ viele Listen, aber ich bin jetzt nicht völlig besessen davon. Manche Birding-Leute treiben’s da echt weit. Zum Beispiel gibt’s welche, die sind total fixiert auf Möwen und wollen jede einzelne Art in jeder möglichen Gefiederphase gesehen haben. Die wechseln ja ihr Federkleid über drei Jahre hinweg, bis sie ausgewachsen sind. So weit geh’ ich nicht.

Aber ich hab’ verschiedene Listen, zum Beispiel für jede Familie oder Gattung. Bei den europäischen Spechten fehlen mir zum Beispiel nur noch ein oder zwei Arten. Und mein aktuelles Spezialprojekt ist eine Häherling-Liste. Die könnte ich tatsächlich irgendwann fertig haben. Und das ist einfach ein wahnsinnig befriedigendes Gefühl.
Viele Birdwatcher behaupten, sie würden’s nicht wegen dieser Listen machen und ich glaube, das ist völliger Quatsch. Sie belügen sich selbst. Denn dieses Gefühl, etwas zu sammeln und eine Sammlung zu vervollständigen, ist einfach unglaublich befriedigend. Und man kann ja ständig die Kriterien ändern – neue Ziele setzen, neue Regionen, neue Arten.
Iris: Kann man irgendwann alle Vögel gesehen haben?
Radu: Manche kommen zwar ziemlich nah ran – die sogenannten Mega Listers. Da gibt’s einige Leute, die haben über 10.000 Arten auf ihrer Liste. Meine eigene Liste ist gar nicht so riesig – irgendwas um die 550 Arten, weil ich zähl’ nur die, die ich nicht nur gehört, sondern auch gesehen habe. Wenn ich die anderen mitrechnen würde, wären es vielleicht 650. Aber wenn du’s ein bisschen kurioser willst: Birdwatching, vor allem bei diesen Mega-Listern, ist inzwischen auch ein riesiges Geschäft – da fließt absurd viel Geld.
Iris: Inwiefern?
Radu: In jeder Hinsicht. Ich war beruflich in China, und auf dem Rückweg hab’ ich mir gedacht: Okay, ich mach einen Zwischenstopp in einem Land mit toller Birding-Szene – und bin nach Thailand geflogen, in eine Birding Lodge. Da hab’ ich Leute getroffen, die auf einem völlig anderen Level unterwegs sind. Da war zum Beispiel ein Ukrainer, der seit 15 Jahren in Bulgarien lebt und bei Deloitte arbeitet. Und der dann so Sachen erzählt hat, dass er auf der Jagd ist nach einem Vogel, von dem es nur 25 Sichtungen im Jahr in ganz Europa gibt.
Oder der auch von einem Typen aus Kalifornien erzählt hat, der extra nach Sri Lanka geflogen ist, zwei Wochen Urlaub in einer Lodge mitten im Dschungel gebucht hat, um einen seltenen, endemischen Elster-Vogel zu sehen, also einen Vogel, der nur und ausschließlich in diesem einen kleinen Gebiet vorkommt. Dann sieht er ihn gleich am ersten Tag und was tut er? Er fliegt einfach heim. Ziel erreicht. Fertig.

Und da steckt schon eine gewisse Ironie drin, wie viele von diesen Birdwatchern, die sich selbst als große Naturliebhaber sehen, für große Firmen arbeiten, die, na ja … sagen wir mal, nicht ganz unschuldig an der weltweiten Zerstörung von Lebensräumen sind, in denen diese Vögel eigentlich leben.
Iris: Ja, total. Ich bin auch total hin- und hergerissen. Vor allem, seit ich die Doku Listers gesehen habe. Weil einerseits versteh’ ich total den spielerischen Reiz, dieses Gamification-Element. So wie du sagst: Es ist ja im Grunde wie jagen, nur ohne zu töten. Das find ich spannend. Du suchst gezielt nach einem bestimmten Vogel, reist an die entlegensten Orte, wanderst tagelang, liegst stundenlang im Gras, und irgendwann siehst du ihn. Das hat was total Abenteuerliches, und da kann ich den Spaß daran echt nachvollziehen.
Aber auf der anderen Seite … dieses ständige Alles-muss-Wettbewerb-sein-Ding – das raubt irgendwie auch den ganzen Zauber. Und wo zieht man die Grenze? Ich hab’ das Gefühl, es ist ein schmaler Grat zwischen: „Hey, es ist wie ein reales Pokémon-Spiel“ – und „Ich hab diesen Vogel gesehen, check. Zurück ins Büro, arbeite für viel Geld egal was, zerstöre die Umwelt, aber hey, 750 Arten auf meiner Liste.“
Radu: Ja, absolut. Ich glaub’ aber schon, dass es da einen klaren Unterschied gibt. In der Doku geht’s ja um dieses Konzept des Big Year: also, so viele Vogelarten wie möglich innerhalb eines Jahres zu sehen, speziell in Nordamerika. Und da trennt sich dann auch der „normale“ Lister – so jemand wie ich – von den richtig krass kompetitiven Listers. Ich könnte da gar nicht mithalten, allein schon finanziell nicht.
Und ja, man kann sich da auch völlig übersättigen. Es gibt noch eine andere Doku, von einem Niederländer, der in einem Jahr über 6.500 Arten gesehen hat. Und am Ende sagt er so sinngemäß: „Ich freu mich jetzt einfach darauf, wieder in die holländischen Sümpfe zu gehen und einen ganz normalen Vogel zu sehen und zu beobachten.“
Für mich hat das Ganze nie diesen instrumentellen Charakter bekommen. Und um ehrlich zu sein – genau deswegen mag ich es so. Dieses ganze Gamification-Ding ist für mich eher oberflächlich. Die Vögel selbst sind für mich eigentlich nur ein MacGuffin, also ein Werkzeug, das die Handlung vorwärtsbringt; sie sehen aus wie der Mittelpunkt, aber in Wahrheit geht’s um was anderes: um das Suchen, um das Forschen, das Lernen. Ich liebe einfach den Abenteuer- und Forschungsaspekt daran.
Grund Nummer acht, sich fürs Birding zu interessieren: Die Lust am Suspense, an der Spannung, an der Detektiv-Story, am Abenteuer.
Radu: Ich kann dir ein Beispiel geben, das liegt schon ewig zurück, aber ich erinnere mich noch total genau daran. Als ich frisch in Berlin war, war ich auf der Suche nach einem Schwarzspecht. Den gibt es in England nicht und ich wollte ihn sehen. Ich hab’ wochenlang versucht, einen zu finden. Ich war an allen möglichen Stellen, wo dieser eigentlich vorkommen sollte, hatte Sichtungen online gesehen – aber nichts. Kein Glück.
Dann musste ich für ein paar Wochen nach Rumänien, wo ein Teil meiner Familie herkommt. Ich weiß gar nicht mehr genau warum, aber natürlich wollte ich dort auch birdwatchen. In Deutschland gibt’s auf Plattformen wie eBird ziemlich gute Daten – man kann sehen, wo was gesichtet wurde. Im UK ist das schon verrückt gut, in den USA völlig irre. Da kannst du genau sehen, an welchem Ort welcher Vogel gesehen wurde. Aber in Rumänien? Fehlanzeige. Ich hatte keine Ahnung, wo ich überhaupt nach dem Schwarzspecht suchen sollte.

Also hab’ ich mich rangesetzt und recherchiert. Ich hab’ herausgefunden, dass Schwarzspechte alte, reife Auwälder mögen – also Laubwälder in der Nähe von Wasser. Dann hab’ ich auf Google Maps geschaut, wo in Bukarest solche Flächen sind. Aber da kann man nicht erkennen, ob das Stück Wald Primärwald ist (also unberührt) oder Sekundärwald (wieder aufgeforstet). Dann hab’ ich meine Uni-Zugangsdaten genutzt, um mir rumänische Forstarchive von Anfang des 20. Jahrhunderts anzuschauen. Da konnte ich rausfinden, wo es damals alte Eichenbestände gab.
Schließlich hab’ ich ein paar vielversprechende Stellen gefunden – unter anderem bei einem Kloster. Ich bin also dorthin gefahren, hab mir vorher Aufnahmen von Spechtrufen angehört. Die rufen nämlich meistens nur zu ganz bestimmten Zeiten im Jahr. Ansonsten hörst du nur das Klopfen. Aber beim Schwarzspecht dauert dieses Klopfen etwa doppelt so lang wie bei anderen Arten.
Ich hab’ also vier Stunden lang in diesem Wald gestanden, nur auf Klopfgeräusche geachtet. Irgendwann hörte ich ein langes „Klonk-klonk-klonk“ – und da wusste ich: Das muss er sein. Ich bin dem dann ganz langsam und leise gefolgt, bis ich endlich einen sah – in einer Eiche, vielleicht 20, 25 Meter über mir.

Das ist, was ich meine: Die Vögel sind eigentlich nur der Aufhänger. Das, was mich wirklich fasziniert, ist das Ganze drumherum – das Lernen, das Recherchieren, das Beobachten der Landschaft. Wenn man Birding ernsthaft betreibt, lernt man automatisch, wie Ökosysteme funktionieren: welche Höhenlagen welche Vogelarten anziehen, warum bestimmte Biotope dort entstehen, warum ein Heidegebiet an dieser Stelle existiert und nicht dort drüben.
Ich achte inzwischen ständig darauf, auf welcher Höhe ich bin – gerade in bergigen Gegenden. In China zum Beispiel bin ich mal einen Berghang hinuntergelaufen und hab’ richtig gemerkt, wie sich mit jedem Höhenmeter der Gesang der Vögel veränderte – wie Streifen, vier verschiedene Klangzonen an einem Tag. Das war unglaublich.

Das Birding hat mich viel tiefer in die Natur gebracht. So, dass man auch anders mitten drinnen ist, Systeme versteht, Geräusche versteht. Es gibt mir ein Verständnis dafür, was Natur ist. Und es entspannt mich auch total. Ich bin ein extrem gestresster, neurotischer Mensch. Abschalten fällt mir total schwer. Ich hab’s mal klassisch versucht – Badewanne, Kerzen, Joint (mein Mitbewohner meinte, das würde helfen) – absolute Katastrophe. Aber Birdwatching – das entspannt mich wirklich. Weil es mich zwingt, mich zu konzentrieren. Ich muss ganz wachsam sein – auf Geräusche, auf Bewegungen, auf Gerüche. Ich kann zum Beispiel riechen, wenn Wasser in der Nähe ist, weil Flüsse ihren eigenen Geruch haben. Und genau diese totale Fokussierung ist für mich Entspannung. Wenn dieser ganze Gedankenbrei in meinem Kopf sich auf einen Punkt bündelt – auf das Beobachten, auf das Hören, dann bin ich ruhig. Die Natur ist so komplex, da passiert ständig etwas. Aber gerade dieses Aufmerksam-Sein ist wie Meditation für mich.
Iris: Ich hab’ noch ein paar sehr praktische Fragen: Nummer eins: Wie entscheidest du, dass du genau diesen einen Vogel finden willst und keinen anderen?
Radu: Manchmal mag ich sie einfach. Ganz simpel. Manchmal seh’ ich ein Foto und denk’ mir: „Wow, der sieht großartig aus, den will ich sehen.“ Oft gefallen mir deren Namen. Oder ich steh’ auf Vögel, die irgendwie seltsam aussehen oder keine klaren Verwandten haben. Seltene Arten sind natürlich auch immer spannend – oder solche, die ungewöhnliches Verhalten zeigen. Oder die, die eine kulturelle Bedeutung haben. In Texas zum Beispiel, wo ich nächstes Jahr wahrscheinlich sein werde, da freu ich mich total drauf, einen echten Roadrunner zu sehen. Das muss irre sein.
Iris: Und welcher Vogel wäre das zum Beispiel in Mitteleuropa?
Radu: Der Schwarzspecht ist super. Der hat auch so eine rote Haube am Kopf, wie Woody Woodpecker. Den findet man in alten Wäldern. Also so richtig alten, mit dicken Bäumen, wo Vögel nisten können. Am besten gehst du im Herbst oder ganz frühen Frühling – so Ende Februar, Anfang März, wenn der Schnee gerade schmilzt. Dann rufen sie, um ihr Revier abzustecken. Der klingt ein bisschen wie „ku-tschi-ku-tschi“ – sehr laut, sehr markant. Und dann musst du einfach dem Ruf folgen. Sie sind groß, etwa krähengroß, komplett schwarz mit roter Haube.
Iris: Aber wie folgst du denn so einem Laut? Im Wald ist das doch total schwer zu orten.
Radu: Ich weiß nicht. Das ist Körperwissen. Oder Übungssache wahrscheinlich. Da kann ich leider weiter nichts sagen als: einfach ausprobieren.

Iris: Und wie verstehe ich, welchen Vogel ich da gerade höre?
Radu: Wenn du einfach beim Spazieren wissen willst, wer da gerade singt, dann ist Merlin das perfekte Tool. In ganz Europa. Funktioniert tadellos. Und ehrlich: Für mich macht das den Zauber überhaupt nicht kaputt. Im Gegenteil – das ist eine fantastische Hilfe, um überhaupt mal zu verstehen, was da los ist.
Iris: Und wie würdest du anfangen? Also wenn du wirklich ganz von Null beginnst?
Radu: Ich würd’ sagen: fang ganz einfach an. Such dir ein paar Vögel raus. Im Frühling kannst du in einem Wald locker 20 Arten identifizieren, ohne viel Übung. Wenn du die App Merlin benutzt, geht’s noch schneller. Wenn dich das anspricht, dass du den einen spezifischen Vogel finden willst, dann kannst du dir auch zum Beispiel den Schwarzspecht vornehmen oder einen Kuckuck.
Ich hab’ mal ewig gebraucht, um mal einen Kuckuck zu sehen. Dabei hab’ ich mich richtig auf die Suche gemacht – raus aufs Feld, wo er vorkommt, andere Arten nebenbei gesehen, aber das Ziel war der Kuckuck. Und irgendwann hab’ ich ihn wirklich gefunden. Und das Suchen ist echt das, was Spaß macht.
Die erste Sendung zum Beispiel von David Attenborough, Naturfilmer und Stimme hinter praktisch jeder BBC-Naturdoku: Seine erste Sendung hieß Zoo Quest. Jede Folge drehte sich um die Suche nach einem bestimmten Tier. Das war ein erzählerisches Konzept, aber ein brillantes. Weil es funktioniert. Diese Heldenreise – jemand setzt sich ein Ziel, erlebt Rückschläge, erreicht es trotzdem – das ist zutiefst befriedigend, auch wenn man es für sich selbst macht, beim Birding. Und das wäre mein Tipp: Sich selbst so ein Quest zu bauen.
Im Januar hat Radu vor, nach Indien zu fahren. In ein ganz bestimmtes Gebiet an der Grenze zu Burma, nach Arunachal Pradesh. Dort lebt nämlich ein Vogel, der als eine neue Art beschrieben wurde. Ein Lisu Wren Babbler. Der sieht fast genauso aus wie der Naga Wren Babbler, denn beide sind das, was Birder als LBJ bezeichnen, wie Lyndon B. Johnson (der 36. Präsident der USA, ein Demokrat), nur steht’s hier für Little Brown Job. Also ein Vogel, der auf den ersten Blick total unscheinbar ist. Einer, von dem sich Menschen, die nichts mit Vögeln zu tun haben, denken: Ah, so ein kleiner brauner Vogel eben.
Für diesen Lisu Wren Babbler gibt es eine Gattung, aber die Artbezeichnung fehlt noch. Und Usus ist, dass der oder diejenige, der sie beschreibt, den Namen festlegen darf. Es gibt auch eine große Debatte in der Birding- und Wissenschafts-Community über das koloniale Erbe solcher Namensgebungen und die Frage, ob es noch okay ist, Vögel, die nach einem Kolonialisten benannt wurden, weiterhin so zu nennen. Aber auch eine Debatte darum, ob man überhaupt neue Arten nach sich selbst benennen darf oder nicht. Mal sehen, was Radu tut, wenn er denn tatsächlich einen sieht. Wir halten euch am Laufenden.