← Zurück zum Schwerpunkt
Die Vorbereitungen
·
5 Min.
·
070–071

How to: Simons Atlantikguide zum Nachsegeln

Boot, Selbststeueranlage, Papiere, Proviant, Route: Simon Pree hat aufgeschrieben, was man wirklich braucht, um über den Atlantik zu segeln.
Von Simon Pree
Segelboot vor einer Küste.
Vor dem Ablegen ist die meiste Arbeit schon getan.
Alle Fotos: Simon Pree

1. Ein Boot kaufen

Kauft euch ein gutes, robustes Boot. Ich bin ein großer Verfechter des guten Bauchgefühls, also hört darauf. Es soll jedenfalls robust und seetauglich sein, das ist wichtiger, als dass es möglichst neu ist. Im Gegenteil können neuere Boote vielleicht sogar schlechter sein, weil an Material gespart wird.

Bei meinem Boot war die Ruderanlage ein großes Problem. Deswegen würde ich – als eines von vielen Dingen – besonders auf Risse im Gelcoat an den Ruderblättern achten, die auf Überlastung hindeuten, und überprüfen, ob Aufhängung und Lager übermäßiges Spiel haben.

Mein Tipp: Vor dem Kauf ist es gut, viel in Foren unterwegs zu sein, um Erfahrungen zu sammeln. Aber Achtung: Oft fallen die Berichte und Meinungen zu den jeweiligen Booten (zu) positiv aus, einfach weil die Besitzer:innen zu wenig unterwegs waren. Achtet daher stets auf die zurückgelegten Seemeilen.

2. Eine zuverlässige Selbststeueranlage

Windsteueranlage am Heck des Segelboots
Die Windsteueranlage am Heck – sie funktioniert rein mechanisch.

Eine ordentliche Selbststeueranlage ist extrem wichtig, da sie einem sehr viel Arbeit abnimmt. Ich empfehle eine Windsteueranlage, da sie rein mechanisch funktioniert, relativ simpel und weniger anfällig ist als elektronische Systeme.

3. Navigation und Sicherheit

Kauft euch einen AIS-Empfänger. Das ist besonders hilfreich, um in dicht befahrenen Zonen wie dem Ärmelkanal vor großen Schiffen gewarnt zu werden. Ich war ohne eigenen Sender unterwegs, würde jetzt aber auch einen AIS-Sender installieren, um für andere Schiffe sichtbar zu sein. Weiters natürlich die vorgeschriebene Sicherheitsausrüstung: Schwimmwesten, Lifelines, Funkgerät, EPIRB, Leuchtraketen, Rettungsinsel, …

4. Stromversorgung

Ein oder mehrere Solarpaneele sind empfehlenswert, um Funkgerät, Kartenplotter, Positionslichter etc. zu betreiben. Aber Achtung: Schon ein kleiner Schatten (z. B. vom Segel) kann die Leistung stark abfallen lassen.

5. Papiere

Der Seefahrtsbrief (als Nachweis, dass das Boot euch gehört) und die Haftpflichtversicherungspapiere (die jeder Hafen sehen will) sind die wichtigsten Dokumente! Der Reisepass natürlich auch. Interessanterweise wurde ich nie nach meinem Segelschein gefragt, in vielen Ländern ist der auch gar nicht vorgeschrieben.

6. Name des Bootes

Mein Boot hatte den schönen Namen „Zugvogel“. Aber das würde ich nicht mehr so machen. Deutschsprachige Namen sind beim Funken relativ mühsam, weil man sie immer buchstabieren muss.

7. Proviant und Wasser

Segelboot, an dessen Reling zahlreiche Wasserflaschen hängen
Proviantierung auf Martinique. Wasser für 1 × über den Atlantik – 150 Liter.

Proviant habe ich großzügig kalkuliert: Essen für 45 Tage bei 30 Tagen Fahrt. Das war hauptsächlich Essen aus Dosen. Das Fischen habe ich einige Male ausprobiert. Ob ich es empfehlen kann? Einerseits ist es eine wirklich große Sauerei. Man muss den Fisch an Bord töten und ausnehmen, während das Boot die ganze Zeit schaukelt. Das ist eine Herausforderung. Und danach muss man alles gründlich reinigen, um den Fischgeruch dann wieder wegzubekommen. Außerdem ist das Kühlen schwierig, falls man nicht genug Strom hat, um den Kühlschrank dauerhaft zu betreiben. Zur zuverlässigen Proviantversorgung würde ich es nicht machen, aber um sich ein bisschen beschäftigt zu halten, dann aber doch.

Trinkwasser: am besten in Fünf-Liter-Flaschen, da das Wasser im bordeigenen Tank kippen und ungenießbar werden kann oder der Tank eventuell auch undicht werden kann.

8. Die Route

Karte des Atlantiks mit eingezeichneter Segelroute von Europa in die Karibik und zurück
Simons Route: hinaus über die Passatroute, zurück über die Azoren.

Es gibt eine klassische Route, bei der man darauf achten muss, die Hurrikan-Saison zu meiden: die Passatroute oder „Barfußroute“. Die liegt bei etwa 20 Grad nördlicher Breite.

Man startet typischerweise Ende November oder Anfang Dezember von den Kanaren oder vom Kap Verde. Achtung vor dem Ärmelkanal! Der ist viel anspruchsvoller zu durchfahren als der Atlantik auf der Passatroute. Will man von der Karibik wieder zurück nach Europa, segelt man weiter im Norden retour. Wind und Wetter sind dort allerdings ebenfalls wechselhafter.

Meine eigene Route: Start Anfang Juli 2017 auf dem IJsselmeer (das schreibt man tatsächlich so) in den Niederlanden, durch den Ärmelkanal, Stopps in Portugal, Madeira und auf den Kanarischen Inseln. Mitte Dezember 2017 kam ich in Tobago an. Den Winter verbrachte ich segelnd auf den Antillen, in Trinidad und Tobago, machte einen kurzen Abstecher nach Venezuela, Grenada, St. Vincent und auf die Grenadinen, St. Lucia und Martinique. Anfang April 2018 brach ich erneut zur Atlantiküberquerung auf – diesmal auf direktem Weg zu den Azoren, mit den Stopps in Flores, Horta und São Jorge. Nach einem ungeplanten Reparaturstopp auf São Miguel segelte ich zurück nach Kontinentaleuropa. Nach 11 Monaten und rund 10.000 zurückgelegten Seemeilen war ich im Juni 2018 zurück in Porto.

Q&A

Welche Fehler hast du gemacht, die andere vermeiden können?
Nehmt euch immer ausreichend Zeit für gründliche Reparaturen. Es fällt auf einen zurück, wenn man sich denkt: „Das passt schon.“ Wechselt kaputte Dinge im Hafen aus, denn am Meer etwas zu reparieren ist wirklich schwierig oder unmöglich. Und: Steckt euch besser einen nicht allzu straffen Zeitplan! Irgendwas kommt immer dazwischen, das schlechte Wetter, Reparaturen, …

Welche Fähigkeiten hast du, die hilfreich sind?
Handwerklich geschickt zu sein, ist sehr hilfreich. Improvisationstalent ebenfalls. Einfache Reparaturen und Wartungsarbeiten am Motor sollte man auf jeden Fall durchführen können, ebenso an der Bordelektrik, den Segeln, … Und einen gut ausgestatteten Werkzeugkoffer und Ersatzteile (z. B. für den Motor) mitnehmen.

Hast du noch einen Tipp?
Ich kann folgendes Buch sehr empfehlen, falls sich wer eingehender mit Blauwassersegeln beschäftigen will: „Segeln mit Wilfried Erdmann: Planung und Praxis – Erfahrungen eines Weltumseglers.“ Es waren übrigens u. a. auch die Abenteuer von Wilfried Erdmann, die mich inspiriert und ermutigt haben, selbst meine Segel zu setzen.

Zum Anhören
Dieser Text ist zuerst im gedruckten The Kurious Magazine erschienen. Das ganze Heft gibt es hier.
The Kurious Magazine
Issue One
070–071