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Kolumne: Leonie-Rachel Soyel
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6 Min.
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Wie wichtig sind Freundinnen wirklich?

In letzter Zeit habe ich oft darüber nachgedacht, wie wichtig Freundinnen wirklich sind – und ja, manchmal fühlte es sich so an, als wären Freundinnen nur der Übergang zu etwas anderem: zu Beziehungen.
Von Leonie-Rachel Soyel
Gänseblümchen auf einer Wiese.
Wenn das mal kein Druck ist.
The Kurious Magazine

Freundinnen, die plötzlich einen Partner hatten, waren auf einmal nicht mehr erreichbar, Nachrichten blieben lange unbeantwortet und aus spontanen Freitagsplänen wurde: „Nö … wollen heute nur zu zweit chillen“. Eine Frage kam in mir auf: Ist Freundschaft vom Beziehungsstatus abhängig?

Es gibt kaum etwas, das so schleichend wehtut wie Freundschaften, die langsam verblassen, weil jemand in einer (neuen) Beziehung und damit vergeben ist. Nicht im Streit, nicht im Drama. Sondern einfach, weil Prioritäten sich verschieben. Und du merkst, du bist nicht mehr die erste Person, die sie anruft, wenn etwas passiert.

Ich erinnere mich an eine Freundin, die früher jede Woche bei mir auf der Couch saß. Wir haben über Exfreunde, Therapie, Dating und Zukunftsängste geredet. Dann kam jemand Neues in ihr Leben. Und plötzlich fühlte ich mich nur noch am Rande dieser Geschichte.

Ich weiß, dass das menschlich ist. Verliebtheit verändert das Nervensystem. Wir wollen Nähe, Sicherheit, Zugehörigkeit. Aber manchmal frage ich mich, warum Freundschaft so leicht zur zweiten Kategorie wird, während Partnerschaften automatisch an erster Stelle stehen. Warum wir gesellschaftlich gelernt haben, dass romantische Liebe wichtiger ist als Loyalität. Warum wir glauben, dass Freundin sein weniger zählt, wenn jemand Partnerin ist.

Vielleicht liegt es daran, dass wir in einer Welt leben, die Romantik idealisiert, die Paare feiert und Freundschaften oft unsichtbar macht. Wir messen Erfolg an Beziehungen, nicht an Nähe oder Beständigkeit zwischen Freundinnen. Wir vergessen, dass Freundschaften uns formen, tragen und uns durch die schwierigsten Zeiten begleiten – oft sogar mehr als romantische Beziehungen. Und wir merken zu spät, dass wir etwas Wertvolles übersehen haben, weil wir zu sehr darauf konditioniert wurden, Partnerschaften über alles zu stellen.

Ich bin nicht wütend. Aber, ehrlich gesagt, manchmal enttäuscht. Weil ich weiß, wie viel Tiefe, Intimität und Halt in Freundschaften steckt. Manchmal sogar mehr als in Beziehungen. Freundinnen haben mich gehalten, als Männer mich verletzt haben. Sie haben mich verstanden, als ich mich selbst nicht verstanden hab. Und sie haben mir gezeigt, dass Liebe nicht romantisch sein muss, um echt zu sein.

Polaroid: zwei Kinder auf einer Wiese
© Privatarchiv

Trotzdem merke ich: Ich hab’ auch schon auf der anderen Seite gestanden. Als ich verliebt war, war mein Kopf voller Zukunftspläne. Ich wollte ständig bei ihm sein, alles teilen, nichts verpassen. In meiner letzten Beziehung wollte ich es besser machen. Ich wollte präsent sein, da sein, aber trotzdem meine Freundschaften pflegen. Ich bin froh, dass ich damals dennoch viel Zeit mit meinen Freundinnen verbracht habe. Gerade jetzt in der Trennung bin ich selten allein. Habe ein Netz, das mich hält.

Verliebtsein ist manchmal wie ein Tunnel: Man sieht nur noch das Licht am Ende, aber nicht mehr die Menschen, die daneben gehen.

Vielleicht ist die Frage, warum wir Freundschaft so oft als etwas Nebensächliches behandeln. Warum wir nicht lernen, Beziehungen und Freundschaften mit derselben Sorgfalt zu pflegen. Gute Freundschaft braucht kein tägliches Schreiben. Aber sie braucht Bewusstsein. Den Moment, in dem man merkt: Ich melde mich wieder. Ich frag’, wie’s dir geht. Ich hör’ zu, ohne zu vergleichen. Ich bin da, nicht nur, wenn ich Single bin.

Und ja, es gibt Momente, in denen ich mich frage: Habe ich genug zurückgegeben? Habe ich genug gefragt, genug zugehört, genug Zeit geschenkt? Freundschaft ist keine Einbahnstraße, und sie funktioniert nur, wenn wir gemeinsam daran arbeiten. Sie wächst durch Aufmerksamkeit, durch kleine Gesten, durch die Bereitschaft, präsent zu sein – auch wenn es unbequem ist, auch wenn wir müde sind, auch wenn das Leben uns in verschiedene Richtungen zieht.

Denn ehrlich: Wir werden bequem. Wir sagen öfter ab, verschieben Treffen, antworten später auf Nachrichten, weil der Alltag uns einholt. Wir meinen es nicht böse, aber wir merken gar nicht, dass diese kleinen Entscheidungen eine Wirkung haben. Freundschaft braucht hier Gegenwehr. Das bewusste Ja, das kleine Opfer der eigenen Bequemlichkeit. Denn nur wenn wir uns Zeit nehmen, wenn wir aktiv zuhören, wenn wir präsent bleiben, entsteht Tiefe und Beständigkeit.

Freundschaft ist nicht nur: die schönen Wochenenden oder gemeinsamen Lacher. Sie lebt in der Bereitschaft, da zu sein, auch wenn es uns gerade nicht passt.

Würd’ ich euch nun raten, einfach mal wieder einer alten Freundin zu schreiben, dann wäre das nur der erste Schritt. Da bin ich ein bisschen vorsichtig. Studien zeigen nämlich, dass reine Kommunikation oft keine tiefe Bindung auslöst. Es ist eben etwas anderes, sich gemeinsam zu erleben oder Rituale zu teilen, da entsteht die Verbindung, die Freundschaften trägt. Einfach nur auf einen Kaffee zu gehen und sich zu erzählen, wie das Leben läuft, reicht oft nicht, weil es keine aktive, gemeinsame Erfahrung ist.

Und genau deshalb müssen wir hier Dinge neu erfinden. Erlebnisse und damit gemeinsame Erinnerungen schaffen. Freundschaften wie Jahrestage feiern. Und Rituale erfinden, die bleiben – egal, wer neben uns aufwacht. Weil Freundinnen nicht die Lücke füllen, wenn Beziehungen scheitern. Sie sind das Fundament, auf dem wir überhaupt lieben können.

Über Leonie-Rachel Soyel

Leonie-Rachel Soyel betreibt mit Sinah Edhofer einen der größten österreichischen Podcasts: Couchgeflüster. Es geht um Beziehungen, Sex, ums Muttersein und Nicht-Muttersein, um Themen wie Freundschaft und romantische Liebe. Mit viel Spaß und Meinung – und manchmal gibt es auch Gäste, wie Beatrice Frasl, Autorin des Buchs Entromantisiert euch! Dabei haben die beiden Hosts auch selbst ein Buch geschrieben, mit dem Titel Couchgeflüster. Es erschien vor ein paar Jahren und ist ein passendes Buch für Twenty-Somethings übers Erwachsenwerden.

Zwei Buchtipps von Leonie:
Franco, Marisa G. (2023): Wie wir Freundschaft finden und bewahren – und warum sie so wichtig für unser Lebensglück ist: wissenschaftliche Erkenntnisse über die Bindung zwischen Freundinnen und Freunden. Berlin: Ullstein Paperback.
Frasl, Beatrice (2025): Entromantisiert euch! Ein Weckruf. Innsbruck: Haymon Verlag.

Zum Anhören
Dieser Text ist zuerst im gedruckten The Kurious Magazine erschienen. Das ganze Heft gibt es hier.
The Kurious Magazine
Issue One
011