
„Nett“, denke ich mir, als ich Lili Taylors Turning to Birds zuklappe – ein nettes Buch, nett geschrieben, nett illustriert. Einfach nett, nicht mehr, nicht weniger. In zwölf Kapiteln beschreibt die Schauspielerin (und Vogel-Enthusiastin) Lili Taylor in verschiedenen Anekdoten die, wie sie schreibt, „Kraft und Schönheit des Wahrnehmens“, die für sie die Faszination der Vogelbeobachtung ausmacht. Die Magie des Ganz-genau-Hinschauens, das Wunder des visuellen An-die-Fersen-Heftens.
Eh nett. Aber diese Erkenntnis ist weder neu oder innovativ, noch sorgt der Appell „Hinsehen und gut aufpassen!“ bei mir persönlich für ekstatische Begeisterung. Und wenn, dann bitte wenigstens im Kontext der detektivischen Observation oder beim Mitraten bei Only Connect, wenn die britischen Super-Nerds diese hochkomplexen Quizfragen bereits lösen, bevor man sie als Normalsterbliche überhaupt zu Ende gelesen hat.
Ich war also fest entschlossen, Lili Taylors Vogel-Buch nicht mehr als nett zu finden, ganz nach dem Motto: Wie schwer kann es sein, hinzusehen? Aber dann hat mich doch der Ehrgeiz gepackt und ich habe mich ein paar Tage sozusagen beim Beobachten beobachtet. Und da habe ich drei Dinge festgestellt:
1. Im öffentlichen (urbanen) Raum fühlt es sich fast verboten an, genau hinzusehen. Wenn man irgendwas anderes als den Boden oder sein Smartphone ansieht, fällt man in der Stadt schon auf.
2. Wenn man lange genug an einem Ort verweilt und schaut, passiert eigentlich immer irgendwas, was man später erzählen kann.
Und 3. Selbst Dinge, von denen man glaubt, dass man sie in- und auswendig kennt, können beim genauen Betrachten Neues offenbaren. Zum Beispiel hat mein Kater einen kleinen hellbraunen Fleck rechts zwischen seinen Schnurrhaaren, der mir noch nie aufgefallen ist – und das hat mich dann doch verwundert, weil als Katzenbesitzerin schaut man bekanntermaßen nichts so gerne und oft an wie das eigene Tier. Und gefreut hat mich meine Entdeckung auch, weil ich direkt das Gefühl hatte: „Schau Kater, jetzt kennen wir uns noch ein bisschen besser als vorher.“
Seitdem denke ich sehr viel über das Beobachten nach und ich glaube, ich verstehe jetzt, was Taylor mit der „Kraft und Schönheit des Wahrnehmens“ meint – auch wenn ich die Formulierung immer noch ein bisschen pathetisch finde. Vögel, Katzen, Hausfassaden. Was man beobachtet, scheint mir dabei eher nebensächlich zu sein.