
Sie wegzuwerfen wäre eine zu starke Geste, die man nicht übers Herz bringt. Sie an die Person zurückzugeben, erfordert Kontakt mit eben jener. Sie auf ewig in einer Kiste aufzuheben, braucht räumlichen Platz. Vielleicht will man die Dinge auch gar nicht ewig mit sich rumschleppen. Wäre es nicht toll, wenn es für all die Dinge einen Ort gäbe, wo sie liebevoll verschwinden können? Damit auch die Erinnerungen einen Ort hätten, an dem sie aufgehoben wären?
Das Museum of Broken Relationships sammelt solche Objekte und die dazugehörigen Geschichten. Aus einem Kunstprojekt entstanden, gibt es mittlerweile auch einen kleinen Ort in Zagreb, an dem einige Objekte permanent ausgestellt sind. Francesca hat sich mit Charlotte für ein Interview getroffen, um mehr zu erfahren.

Francesca: Kannst du uns ein bisschen etwas über das Museum of Broken Relationships erzählen? Was ist das genau und wie ist es entstanden? Warum „broken relationships“?
Charlotte: Also, das Museum ist eigentlich aus der Beziehung von Olinka und Rajen entstanden – das sind die Gründer:innen. Die beiden waren Künstler:innen und ein Paar. Aber irgendwann war klar: Okay, unsere Liebesbeziehung ist vorbei, wir müssen getrennte Wege gehen. Aber sie hatten all diese Dinge, die Teil ihrer Beziehung waren, und sie konnten sie weder wegwerfen noch irgendwie gerecht untereinander aufteilen. Die Objekte waren emotional einfach zu stark aufgeladen.
Sie haben zu recherchieren begonnen, ob es denn irgendwo auf der Welt einen Ort gibt, wo man solche Objekte hingeben könnte und festgestellt, so etwas gibt es nicht. Also dachten sie: Hm, dann erfinden wir diesen Ort eben. Olinka hat eine Art Essay darüber geschrieben, wie so ein Ort aussehen könnte, und dann ergab sich kurz darauf die Möglichkeit, sich bei einer Kunstmesse in Zagreb zu bewerben. So ist dann das Museum of Broken Relationships geboren worden. Das war 2006.
Die Resonanz war unglaublich. Es berührt eben jeden, weil wir alle irgendwann Trennungen erleben und Dinge haben, die uns an eine vergangene Geschichte erinnern. Und so ist die Sammlung nach und nach immer größer geworden. Seit 2010 gibt es auch ein fixes Museum in Zagreb. Und die Sammlung wächst immer weiter. Jeden Tag schicken uns Menschen aus aller Welt Objekte und Geschichten. Heute haben wir über 3.500 Objekte.
Francesca: Ich habe direkt mehrere Fragen, aber die erste ist: Arbeiten die beiden denn heute noch zusammen?
Charlotte: Klar. Sie sind heute Partner:innen im Sinne der Museumsarbeit und Freunde. Und das ist irgendwie ein schönes Ende – aus etwas, das normalerweise als Scheitern gilt, ist etwas Neues entstanden. Sie sehen sich fast jeden Tag und arbeiten zusammen.
Francesca: Das ist wirklich schön – also, dass das Ende einer romantischen Beziehung nicht das Ende der Beziehung an sich bedeutet. Du hattest in einer Mail geschrieben, dass die Grenze zwischen Freundschaft und romantischer Beziehung oft ziemlich dünn ist. Hast du Gedanken dazu oder vielleicht Anekdoten aus dem Museum?
Charlotte: Ich glaube eigentlich nicht, dass es wirklich eine klare Grenze gibt. Am Ende geht es um Liebe – und irgendwie lieben wir Freund:innen, Partner:innen, Familie auf unterschiedliche Weise, aber es ist alles Liebe. Viele Geschichten im Museum beginnen mit einer Freundschaft und werden dann romantisch, manchmal endet die Beziehung und wird zu einer Freundschaft – oder eben gar nichts mehr, weil man es emotional nicht schafft. Beziehungen sind immer komplex, nicht schwarzweiß.
Das mag ich auch am Museum. Zu sehen, dass Beziehungen etwas zutiefst Menschliches und gleichzeitig etwas sehr Geheimnisvolles sind. Wir brauchen einander, wir sind neugierig auf andere Menschen. Und selbst wenn wir verletzt werden, hoffen wir weiter und versuchen es wieder. Ich habe auch mal versucht, Geschichten mit Schlagwörtern zu kategorisieren, aber das ist total unmöglich. Die Geschichten überschneiden sich in so vielen Themen und genau das macht sie so schön.
Francesca: Hat die Arbeit im Museum deine Einstellung zu Beziehungen verändert? Es müssen ja ziemlich viele schmerzhafte Geschichten sein.
Charlotte: Ja, definitiv. Ich war schon immer sehr interessiert an Beziehungen. Also ich bin selbst Künstlerin, und meine Arbeit dreht sich oft darum. Als ich als Sammlungsmanagerin anfing, war es mein Job, jeden Tag neue Geschichten zu lesen. Manche haben mich zum Weinen gebracht, andere zum Lachen. Am Anfang war das ziemlich überwältigend. Aber mit der Zeit habe ich angefangen, darin vor allem die Schönheit zu sehen. Diese Akzeptanz: Es war schön, und es ist okay, dass es vorbei ist. Das hat meine Sicht verändert.
„Wichtig ist auch, zu akzeptieren, dass etwas enden kann, obwohl es wunderschön war. Das ist kein Scheitern. Auch im Ende liegt etwas Gutes.“
Francesca: Hast du Ratschläge für andere – was wichtig ist in Beziehungen oder wie man eine Trennung besser bewältigen kann?
Charlotte: Ich glaube, pauschale Ratschläge sind schwierig, es hängt so sehr von den Menschen ab. Aber was ich gelernt habe: Eine Geschichte erzählt immer nur eine Perspektive. Es gibt aber immer zwei. Wir denken zuerst an unseren eigenen Schmerz und vergessen oft, dass die andere Person auch verletzt ist. Und Kommunikation – dass man irgendwann aufhört zuzuhören – spielt eine große Rolle.
Francesca: Hast du selbst etwas eingereicht? (Du musst nicht erzählen, was, falls es zu privat ist.)
Charlotte: Ja, tatsächlich! Ich habe ein Objekt abgegeben, ein Barthaar meines Exfreundes. Es war eingerahmt und hing lange an meiner Wand. Es war eine schwierige Zeit: Meine Nachbarin war gestorben, ohne dass es jemand bemerkt hatte. Als ich das erfuhr, hat mich das total geschockt. Und am selben Tag hat mein Freund mit mir Schluss gemacht. Das war einfach zu viel auf einmal. Ein paar Wochen später fand ich dieses Haar auf dem Kissen und habe es aus irgendeinem Grund eingerahmt. Total absurd, aber es war ein Ausdruck dieses Moments. Irgendwann wusste ich: Ich muss das loslassen. Und das Museum war der richtige Ort.
Francesca: Das ist schön, aber traurig. Danke. Okay, aber noch eine Frage: Wie kommen die Objekte ins Museum? Wie funktioniert das?
Charlotte: Es ist wirklich ein bisschen mysteriös, wir machen ja kaum Werbung. Es ist eher nur Mundpropaganda, persönlicher Kontakt. Es ist immer schwer, eine persönliche Geschichte abzugeben, da braucht es Vertrauen. Die Menschen sollen wissen, dass wir ihre Geschichten respektvoll behandeln und nicht verändern. Viele Jüngere, die gewohnt sind, ihr Leben online zu teilen, tun sich leichter. Andere schreiben erst: „Ich weiß nicht, ob meine Geschichte interessant genug ist …“ Und ich sage immer: Jede Geschichte ist wichtig.
Francesca: Gibt es etwas, das ihr nicht annehmt?
Charlotte: Wir nehmen grundsätzlich alles an. Wir lehnen nur Dinge ab, die logistisch unmöglich sind. Zum Beispiel hat uns mal jemand in Korea ein Auto anbieten wollen. Oder ein Bett. Oder ein Klavier. Einmal kam ein riesiges Zelt – das haben wir angenommen, weil es zusammengelegt werden konnte. Aber so ein Jeep ist einfach unmöglich nach Zagreb zu transportieren.
Francesca: Hast du ein Lieblingsobjekt?
Charlotte: Es ändert sich ständig. Aber gerade mag ich eine Geschichte besonders gerne, weil sie witzig ist – eine kleine süße Rachegeschichte. Eine Frau hat nach der Trennung alle Knöpfe von den Kleidern ihres Exfreundes abgeschnitten und ihm alles ohne Knöpfe zurückgegeben. Wir haben die Knöpfe. Es sind 102 Stück. Sie hängen bei uns in der Dauerausstellung.
… und die Geschichten derjenigen, die die Objekte an das Museum übergeben haben.

Wir waren vier Freunde. Vier beste Freunde – seit über 60 Jahren. Wir haben alles miteinander geteilt und alles zusammen gemacht: Geburtstage gefeiert, gemeinsam Geschenke gekauft, täglich telefoniert und füreinander gesorgt, wenn jemand krank war … Eines Tages fand ich jedoch heraus, dass ich nicht bei allem dabei war: Die anderen drei haben hinter meinem Rücken Lotto gespielt. Bei uns ist es Tradition, gemeinsam mit Freunden oder Familie bei der Weihnachtslotterie mitzuspielen. Wie ich herausfand, dass sie ohne mich gespielt haben? Sie haben gewonnen und einen ziemlich großen Gewinn gemacht. Ich war so traurig und enttäuscht, dass ich daraufhin erstmal krank wurde.
Als ich sie zur Rede gestellt hab, hatten sie nur Ausreden parat. Aber noch schlimmer war, dass sie sich danach nie wieder bei mir meldeten. Vielleicht aus Scham? Nur eine von ihnen hat mich wieder kontaktiert und sich ehrlich entschuldigt, wir sind auch wieder befreundet. Aber die anderen beiden … die haben vielleicht einen großen Gewinn gemacht, aber sie haben eine echte Freundin verloren. Freunde zu verlieren tut weh, wenn man jung ist. Aber es ist wirklich noch viel härter, in den letzten Jahren seines Lebens.
Kurz vor ihrem 50. Geburtstag bekam meine Freundin die Diagnose Krebs. Entgegen allen Erwartungen schaffte sie es noch, weitere fünfeinhalb Jahre zu leben – mit vielen Höhen und Tiefen und noch mehr palliativen Chemotherapien. Nach etwa 50 Chemotherapien, zu denen ich sie oft begleitet habe, machte sie mir ein Geschenk: diese Stulpen/Pulswärmer, die sie für mich gestrickt hatte. Sie sagte, ich hätte ihre Seele gewärmt, in den vielen eiskalten Momenten ihrer Krankheit. Nun wolle sie mir symbolisch etwas von dieser Wärme zurückgeben – als Zeichen unserer Freundschaft, unseres füreinander Daseins. Sie verstarb vor zweieinhalb Jahren an ihrer Krebserkrankung.

Ich war höchstens 13, als mir ein Freund, vielleicht ein Jahr älter, dieses Buch schenkte. Er begleitete mich täglich auf meinem Schulweg und ich mochte ihn wirklich sehr. Doch dann wurde er krank und musste in Quarantäne. Unsere Familien hatten uns verboten, miteinander zu telefonieren, also erfanden wir unser eigenes Alphabet und schrieben einander Briefe. Seine Mutter half uns heimlich dabei. In diesem Buch steht ein Gedicht, das er für mich in unserem geheimen Alphabet geschrieben hat.
Kurz darauf haben wir aufgehört, einander zu treffen. Die religiösen Menschen unserer Gemeinde wollten nicht, dass wir zusammen sind. Sie drohten uns: Wenn er mir nicht fern bliebe, würden sie allen erzählen, dass ich mit ihm gesündigt hätte (also dass wir miteinander geschlafen hätten). Er wollte meinen Ruf nicht zerstören, also endete unsere Freundschaft. 25 Jahre später fand er mich auf Facebook. Als wir uns trafen, war immer noch gegenseitige Zuneigung und Liebe da. Aber es half nichts. Er war verlobt.