
Im Sommer war ich mit meinem Memoir Rausch und Klarheit auf einem Festival eingeladen. Es ist ein hippieskes Festival, eins auf dem viel entrückt gelächelt und ekstatisch getanzt wird, auf dem die Leute bunte, glitzernde Fantasie-Outfits tragen und an Sachen wie Achtsamkeit, Spiritualität und Authentizität interessiert sind. Die erste Person, der ich bei meiner Ankunft am Mittag des ersten Tages im staubigen Eingangsbereich über den Weg lief, war so high, dass ich förmlich die kleinen, blauen Disney-Vögelchen sehen konnte, die um ihren Kopf herumschwirrten.
Meine Lesung fand im Neurodivergenz-Space statt, einem angenehm schattigen Zelt, das die sengende Augustsonne abschirmte. Der Innenraum, der aus Meditationskissen auf Sand bestand, war überraschenderweise voll besetzt. Auf einer Veranstaltung, auf der Hedonismus zentral und Ekstase das erklärte Ziel war, waren offenbar überraschend viele Leute an Nüchternheit interessiert. Beim Publikumsgespräch meldete sich eine Frau in einem Outfit aus pinker Unterwäsche, Glitzersteinchen und einem Raffaello-Sonnenhut.
„Du willst eine spirituelle Beziehung haben, wenn du nüchtern bist, und die andere Person ist betrunken oder high?“, spezifizierte ich. Die Frau nickte und ich fühlte mich augenblicklich in eine Zeit zurückversetzt, in der ich mich mit meiner bizarren Entscheidung, nicht mehr zu trinken, ständig wie ein Spaßverderber gefühlt hatte.
Die Antwort ist leider hart: Spirituelle Verbindung mit druffen Leuten — my ass.
Viele Menschen konsumieren lange weiter, auch wenn sie unter ihrem Konsum schon sehr leiden. Die Angst vor dem Außenseiter-Dasein ist unter den Top-3-Gründen dafür. Konsumiert man lange, werden die Droge und Gemeinschaft eins. Die Droge aufzugeben, bedeutet oft auch, Community, Rituale, Identitätskonzepte aufzugeben.

Der Alkohol hat dabei natürlich eine Sonderstellung. Er ist ungleich normalisierter und weiter verbreitet als alle anderen Rauschmittel. Er ist allgegenwärtig, sobald man das Haus verlässt. Will man eine Kokain- oder eine Partydrogen-Gewohnheit loswerden, dann findet man mit ein bisschen Aufwand sicher ein paar Freunde, die damit nichts am Hut haben. Wenn man aber versucht, dem Alkohol zu entsagen, realisiert man, dass er fucking überall ist. Weil in unserer Gesellschaft so gut wie jedes soziale Event, jeder Meilenstein und jeder besondere Anlass mit Alkohol begossen wird, scheint das Aufhören eine Absage an die Freundschaft an sich zu sein. Sozialer Selbstmord.
Und ja, bad news: für viele, die aufhören, ist das auch erstmal so. Die Frau, die mich auf dem Festival darum gebeten hat, ihr das Geheimnis zu verraten, wie sie sich liebevoll mit akut berauschten Freunden verbinden kann, ahnte die bittere Wahrheit wahrscheinlich schon: Du kannst dich einfach nicht auf einem deepen Level mit zugedröhnten Leuten verbinden, egal, wie sehr du sie liebst. Ihr teilt keine gemeinsame Realität. Das ist sowohl kurzfristig wahr (im akuten Rausch) als auch langfristig (in einer ausgewachsenen Sucht).
Und das wissen ja im Grunde auch alle, die mal nüchtern unter Betrunkenen waren: Am Anfang ist es lustig. Dann langweilig. Und dann anstrengend. Die Leute fangen an, sich zu wiederholen, können keinem komplexen Gesprächsfaden mehr folgen, sie lallen, riechen schlecht und werden grobmotorisch. Sie verlieren ihre Empathiefähigkeit, sie rempeln, sie werden selbstbezogen, weinerlich oder aggressiv. Im besten Fall hat man das Gefühl, kleine Kinder zu babysitten. Man ist auf jeden Fall die Erwachsene im Raum. Und das verliert dann schnell seinen Reiz. Für beide Seiten.
Komplett nüchtern zu werden — wenn die Substanz eine zentrale Rolle gespielt hat — ist für die meisten mit einer umfassenden Neubewertung aller Lebensbereiche verbunden: Du kannst dich nicht mehr betäuben, ausweichen, ablenken. Deswegen kannst du auch nur das in deinem Leben behalten, was du wirklich und wahrhaftig und mit allen Sinnen gut findest. Das betrifft Freizeitaktivitäten, Essgewohnheiten, Schlafgewohnheiten, Jobs, Wohnorte, Selbstbilder und natürlich auch Beziehungen.
Freundschaften, in denen der gemeinsame Konsum das zentrale Thema war, werden ihre Existenzgrundlage verlieren.
Beziehungen, die so morsch sind, dass man sich betäuben muss, um sie zu haben, werden ohne Betäubung zerbröseln. Leute, die immer die gleichen toxischen Muster durchspielen, weil sie nicht den Mut haben, ihr Verhalten zu ändern, werden dich schrecklich müde machen. Leute, die selbst ein Suchtproblem haben, werden dich meiden, weil sie sich in dir gespiegelt sehen. Wenn sie dich nicht meiden, wirst du sie nur schwer aushalten, weil du sie retten willst und damit scheitern wirst, oder weil dir ihre konstante Selbstverletzung das Herz bricht.
Man kann es nicht beschönigen: Die Disruptionen in Freundeskreisen können wirklich dramatisch sein, wenn du nüchtern wirst.
Du wirst alte und neue Freundinnen und Komplizen finden, denen betrunken und high sein überraschenderweise nie soviel bedeutet hat. Du wirst feststellen, dass oft genug du selbst der Katalysator für das Öffnen der zweiten Flasche Wein warst, und dass dein Kumpel, mit dem du immer so viel getrunken hast, nur dir zuliebe so viel getrunken hat.
Du wirst wieder Hauspartys und Pyjamapartys veranstalten und dich fühlen wie in der Oberstufe. Du wirst die tiefgründigsten, witzigsten, interessantesten Gespräche haben, wenn du dich in aller Frühe morgens vor der Arbeit mit deinem Freund, der gerade Vater geworden ist, zum Kinderwagenschieben und Kaffeetrinken im Park triffst. Deine Freundinnen mit kleinen Kindern werden total froh sein, dass du Bock hast, nachmittags mit ihnen auf dem Spielplatz abzuhängen.
Du wirst total viel Zeit übrig haben, weil du nicht mehr tagelang verkatert sein wirst, und deswegen Kunstprojekte mit Freunden starten — einen Buchclub gründen oder einen Podcast oder einen Strickzirkel. Du wirst die Freundinnen von früher viel besser kennenlernen. Du wirst immer und zu jeder Tages- und Nachtzeit verlässlich für sie da sein können, weil du nonstop klar im Kopf und handlungsfähig sein wirst. Du wirst dir alles merken, was sie dir erzählt haben, auch wenn es schon spät war. Du wirst ihre Kinder kennen, weil du mit ihnen auf dem Spielplatz abgehangen hast.
Du wirst verstörend gut darin werden, Räume zu lesen. Du wirst auch empathischer sein. Du wirst dich in ein paar Jahren umgucken und erstaunt feststellen, dass du von lauter interessanten, liebevollen und inspirierenden Leuten umgeben bist, für die Alkohol und Drogen keine Rolle spielen und dich mit ihnen spirituell sagenhaft verbunden fühlen.

Mia Gatow ist Autorin des Buchs Rausch und Klarheit, in dem sie von ihrem Weg aus einer Sucht erzählt, die viele vielleicht als „eine etwas ausufernde Trinkgewohnheit“ beschreiben würden. Sie selbst findet aber klare Worte und spricht von Sucht oder Alkoholabhängigkeit und erzählt vom Rausch der Sehnsucht, vom falschen Feminismus, der das selbstbestimmte und total weggedröhnte Cool Girl hervorgebracht hat, von der Community, die sie bei den Anonymen Alkoholikern gefunden hat und von ihrer neuen Klarheit in der Nüchternheit. Es ist ein Buch, das wunderbar zu lesen ist. Man muss nur harte Wahrheiten wie diese hier aushalten können:
„Nüchtern kommst du zu dir. Was du findest, ist nicht unbedingt, was du dir erhofft hast, aber du bekommst die Wahrheit. Das nackte Leben. Und du kannst ab sofort keine Pause mehr nehmen, nicht von deinen Gedanken und nicht von deinen Gefühlen.“
Der Podcast von Mia Gatow und Mika Mareike Döring
Wer Mia lieber hören will: Sie ist auch Host vom Podcast SodaKlub, der jeden Sonntagmorgen erscheint. Dort hört ihr Gespräche rund ums Thema Nüchternheit – wohltuend ehrlich, unterhaltsam und ganz ohne Selbsthilfe-Selbstoptimierung. Zum Einstieg am besten hier beginnen: EP 113 – Anleitung zum Alkoholismus. Oder auch immer gut: die Dry-January-Folgen EP 215 und EP 169.