← Zurück zum Schwerpunkt
Ein Interview mit Simon Pree
·
14 Min.
·
064–069

Über den Atlantik segeln. (Alleine. Und ohne Trustfund.)

Wenn man Simon trifft, dann würde man jetzt nicht unbedingt vermuten, wie viele Abenteuer dieser Mensch schon erlebt hat. Er ist eher schüchtern und leise, und zu erzählen beginnt er erst, wenn man nachfragt. Aber dann kann man einige sehr, sehr abenteuerliche Geschichten hören. Von wilden Fahrradtouren, vom Backpacken und von seinem großen Traum, den Atlantik auf einem Segelboot alleine zu überqueren. Darum soll es heute gehen.
Mit Simon Pree · Ein Interview von Frederik (Fred) Hocke
Ein Segelboot auf dem offenen Meer.
Ein Boot, ein Mensch, ein Ozean.
Alle Fotos: Simon Pree

Fred: Wie hat dieser Traum begonnen?

Simon: Das Segeln war immer schon ein Kindheitstraum von mir. Also, ich habe immer eine Faszination für Boote gehabt, ich hab’ gerne Boote gezeichnet und meine Lieblingsbücher waren Piratenbücher. Aber so wirklich auf die Idee gekommen bin ich, als ich im Keller meiner Großeltern ein Buch über Abenteuergeschichten gefunden habe. Da waren Auszüge von Extrembergsteigern drinnen, von Leuten, die mit Ureinwohnern im Dschungel gelebt haben und da gab es auch eine Geschichte von einem Segler, das war Wilfried Erdmann. Und dann hab’ ich mir tatsächlich als Kind beim Einschlafen vorgestellt, dass ich nicht in meinem Bett liege, sondern in der Koje und mit meinem Schiff irgendwelche fernen Inseln ansteuere.

Ein Rochen im flachen, hellen Wasser
So ganz alleine ist man dann doch nicht …

Naja, das ist dann ein bisschen in den Hintergrund getreten, aber mit Mitte 20, wo ich halt so überlegt habe, was ich eigentlich vom Leben will, was ich vom Leben erwarte, was ich noch machen will, habe ich mir gedacht: „Das wäre schon cool, das einfach wirklich zu machen.“ Ja und dann hab’ ich angefangen, einerseits auf ein Boot zu sparen und andererseits segeln zu lernen.

Fred: Weil du vorher nicht segeln konntest?

Simon: Meine Erfahrungen waren sehr begrenzt. Ich besitze einen Binnensegelschein am Attersee. Aber darüber hinaus war ich bis dahin sehr wenig segeln. Ja und ein paar Jahre später hab’ ich mir dann tatsächlich ein Boot gekauft und mich auf den Weg über den Atlantik gemacht und wieder retour.

Simon begann also mehr zu segeln, vor allem am Meer. In Kroatien half er auf einem Segelboot aus und betreute mit einem Skipper ein Boot, auf dem Schüler:innen nach dem Abi oder der Matura auf Partyreise unterwegs waren. Das war in gewisser Weise ein bezahlter Crashkurs im Segeln am Meer, bis er sich dann sein eigenes Boot kaufte. Damit übte er am IJsselmeer in den Niederlanden, um – wie er sagt – das Boot kennenzulernen und um sich an das Alleinsegeln zu gewöhnen. Im Sommer 2017 ging das Abenteuer dann los: erst einmal hinaus in die Nordsee und durch den Ärmelkanal.

Simon: Die Leute sind immer so beeindruckt von den Atlantiküberquerungen, die dauern halt lang, aber eigentlich war es in der Nordsee und im Ärmelkanal viel härter und anspruchsvoller zum Segeln. Also, du hast dort relativ starke, oft wechselnde Winde, hast starke Strömungen, merkst die Gezeiten extrem stark, hast sehr viel Schifffahrtsverkehr, also Frachter, wo einer nach dem anderen durchfährt. Also, theoretisch, auf dem offenen Meer, muss der Frachter ausweichen, weil du als Segelboot Vorrang hast. In der Praxis habe ich immer einen großen Bogen um die Frachter gemacht, weil … naja, für so eine kleine Nussschale wie ein Segelboot ist ein Schiffsfrachter doch ziemlich beeindruckend. Da wollte ich es nicht drauf ankommen lassen.

Er erzählt von einem Erlebnis, bei dem er in der Nacht gegen den Wind fahren und immer wieder hin und her kreuzen musste. Sein GPS-Gerät zeigte den Frachter an. Er dachte sich: „Das geht sich noch aus.“ Doch die Geräusche, das Stampfen des Motors, kamen immer näher, bis dann …

Simon: … auf einmal ist so ein riesiger Scheinwerfer, den der Frachter am Bug montiert hatte, eingeschaltet und auf mich gerichtet worden. Volles Licht mitten in der Dunkelheit. Einerseits war das beruhigend, dass sie mich gesehen haben, andererseits ein bisschen beunruhigend, dass ich das offensichtlich doch so unterschätzt habe und viel näher an dem vorbeigefahren bin, als ich eigentlich wollte. Also ja. Das war sehr beeindruckend.

Fred: Warum bist du den Ärmelkanal in der Nacht durchfahren? Da gab’s ja noch rein theoretisch genügend Möglichkeiten, den tagsüber zu durchqueren, oder nicht?

Simon: Naja, das sind schon ziemliche Distanzen. Und man kann schon auch stehen bleiben. Das muss man halt vorher genau planen. Ich war schon im Verzug, weil davor schon einige Dinge schiefgegangen waren, und ich dachte mir: „Ich mach’ das jetzt in zweieinhalb Tagen, den Ärmelkanal zu durchfahren.“

Fred: Wahrscheinlich war das eine gute Vorbereitung auf den Atlantik?

Blick durch ein rundes Bullauge auf Simon, der im Cockpit des Segelboots sitzt
Auf dem Rückweg macht mir die Ruderanlage etwas Sorgen: Ein Beschlag ist gebrochen, ein Ruderblatt liegt unbrauchbar auf dem Deck.

Simon: Ja auch. Also ich habe auch so ein bisschen die Herausforderung an dem Ganzen gesucht und wollte dann auch immer wieder ein bisschen ausprobieren: Wieviel kann ich mir eigentlich selbst zumuten? Wieviel schaffe ich denn? Ja, das war sicher mal eine gute Vorbereitung, das in den relativ grauenhaften Bedingungen im Ärmelkanal zu probieren. Zu sehen, wie es ist, in der Nacht zu segeln, um zu sehen, ob ich das dann wirklich den einen Monat über den Atlantik auch durchziehen kann in der Form. Ja.

Das Ding am Segeln ist, dass es relativ lang ruhig dahin geht, und dann hast du von einem auf den anderen Moment irgendwie Stress. Ich kann, glaub’ ich, ganz gut mit so Situationen umgehen, wo es stressig wird. Ich bin dann im Moment fokussiert und schaue, dass ich das so gut wie möglich über die Bühne bringe. Aber das Ärmelkanalstück war bestimmt der härteste Teil der Reise.

Fred: Gibt’s jetzt im Nachhinein so ein Bild, das du mit dieser Reise verbindest?

Simon: Es ist eher so ein Gefühl, würde ich sagen. Ein Gefühl der Verbundenheit mit den Elementen, mit dem Meer, mit der Erde selbst. Und gerade das Nachtsegeln war etwas, was mir immer besonders gut gefallen hat. So in die schwarze Nacht hinein. Und du brauchst auch so ein Stück Urvertrauen, dass das jetzt alles funktioniert. Ein Vertrauen in dich, in dein Boot, aber auch ins Meer, in deine Umgebung. So ein Gefühl, geerdet zu sein. Wobei das vielleicht blöd klingt, am Meer.

Fred: Gab’s für dich auch brenzlige Situationen auf der Reise? Man hört ja selten, aber doch auch immer wieder von Pirateriegeschichten oder solchen Dingen …

Simon: Also die brenzligen Situationen entstanden nie durch andere Menschen. Ganz im Gegenteil. Da sind mir viele begegnet, die sehr hilfsbereit waren, wo man sich auch gegenseitig geholfen hat. Seien es die Leute vor Ort oder andere Segler. Ich hab’ zum Beispiel mal in einer halbwegs geschützten Bucht geankert. Aber da sind immer so starke Fallwinde gekommen und das Boot hat nicht gehalten. Das wurde vom Wind durch die ganze Bucht gezogen. Ich war aber auf der Insel unterwegs. Und als ich zurückkam, hab’ ich gesehen, dass wer anderer da war und versucht hat, mein Boot zu sichern. Das war super. So was ist immer wieder passiert, dass da andere Leute auf einen schauen und ein bisschen aufpassen.

Simon war ein ganzes Jahr unterwegs und ging auf seiner Reise auch immer wieder an Land. Er wollte die Orte sehen, an denen er vor Anker lag, vor allem die weniger touristischen. Trotzdem war das Segeln selbst, die Überquerung, der Hauptgrund seiner Reise. 30 Tage lang. Ganz alleine auf offener See. Wie ist das so?

Fred: Also, wie war das jetzt so, 30 Tage lang am offenen Meer, ganz alleine? Zu wissen: Ich stehe jetzt auf und einen ganzen Monat lang wird mir da kein Mensch begegnen? War das etwas, das du ausgehalten hast oder etwas, das du gesucht hast?

Segelboot unter vollen Segeln vor einer felsigen Küste
Unter vollen Segeln: Kurs auf die Kanaren.

Simon: Das war auf jeden Fall das, was ich gesucht habe, und ich kann dir sagen, es war eigentlich überraschend unbeeindruckend. Also, es gab natürlich Momente, in denen ich mir gedacht habe: „Wow.“ Das erste Mal kein Land mehr in Sicht zu haben oder die 1.000-m-Linie zu überfahren und zu wissen, du hast einen Kilometer Wasser unter dir. Das war echt außergewöhnlich. Aber dann habe ich mich eigentlich sehr schnell auf diese neue Umgebung eingestellt. Man hat dann halt einen Haufen Wasser um sich.

Bei mir war’s tatsächlich die Zeit vor dem Aufbruch, da war ich viel nervöser. Da hab’ ich dauernd überlegt: „Habe ich jetzt alles? Bin ich gut vorbereitet? Passt das Wetter? Ist das das richtige Zeitfenster?“ Auf dem Meer dann hat sich das Zeitgefühl sehr relativiert. Also ich hab’ sicher Stunden meiner Reise damit verbracht, einfach nur aufs Meer rauszuschauen. Das war mein Fernseher sozusagen. Und das Meer schaut ja auch immer ein bisschen anders aus, je nach Sonne oder Bewölkung.

Und bei mir war es so, also beim Hin- und beim Rückweg, dass ich die ersten zwei Wochen total genießen konnte, so viel Zeit für mich zu haben, viel lesen, entspannen, in der Sonne liegen, ja, auch immer wieder bisschen segeln, aber gerade bei der Hinfahrt, wo du auf der Passat-Route bist und diese ziemlich konstanten Passatwinde hast, da hast du am Boot wenig zu tun. Ich hab’ da manchmal tagelang nichts gemacht. Ja, ich hatte natürlich eine Selbststeueranlage, die vor allem in der Nacht, wenn du schlafen willst, wichtig ist. Und da hab’ ich dann vielleicht ein paar Male den Kurs korrigieren müssen. Aber viel Arbeit hat man am offenen Atlantik nicht.

Aber nach ca. zwei Wochen ungefähr war dann beide Male ein Kipppunkt, wo ich mir gedacht habe: „Jetzt wär’s schon nett, mal wieder irgendwo anzukommen.“ Da ist mir langweilig geworden und ich hab’ ein bisschen Lagerkoller bekommen, weil eigentlich bist du ja eingesperrt auf deinem kleinen Boot. Aber du kannst schlussendlich nichts machen und musst irgendwie lernen, mit deiner eigenen Unruhe und Langeweile umzugehen. Weil, du kannst nichts tun, um den Weg zu beschleunigen.

Fred: Wenn ein Tag dem nächsten gleicht und irgendwie alles ähnlich ist, du nur Wasser um dich rum hast, schafft man sich dann da Tagesstrukturen, dass man da nicht komplett im Chaos versinkt?

Simon am Strand mit einer frisch gefangenen Languste
Fangfrische Langusten in der Karibik – eine willkommene Abwechslung zu den Konserven während der Überfahrt.

Simon: Ja, das hab’ ich tatsächlich gemacht. Ich hab’ meine Mahlzeiten nach der Tageszeit eingerichtet und meine Lesezeiten. Dann hab’ ich begonnen, Turnübungen am Boot zu machen, weil ich gemerkt habe, sich überhaupt nicht zu bewegen, das geht auch nicht gut. Aber man passt sich auch automatisch an den Rhythmus der Tageszeiten und der Sonne an. Ich bin relativ bald, nachdem die Sonne untergegangen ist, schlafen gegangen. Ich bin automatisch müde geworden und dann mitten in der Nacht wieder aufgewacht, auch von selbst. Da war ich ein, zwei Stunden putzmunter und konnte nicht einschlafen.

Und später dann hab’ ich in meinem Lieblingspodcast Geschichten aus der Geschichte etwas gehört, nämlich über die Geschichte des Schlafs. Dass das eigentlich der natürliche Rhythmus ist, dass Menschen, bevor wir das künstliche Licht gehabt haben, immer diese aktiven Zeiten in der Nacht gehabt haben. Dass also diese acht Stunden Durchschlafen gar nicht natürlich sind.

Und dann bin ich auch auf und hab’ geschaut, ob jetzt am Horizont wieder andere Boote sind. Hab’ die Position, die Segel, den Kurs kontrolliert, Rundumblick gemacht und mich dann wieder hingelegt. Als Alleinsegler ist das halt auch immer so ein bisschen die Frage, die du hast: Wie viel Schlafzeit erlaubst du dir jetzt? Ich mein’, der Atlantik ist natürlich sehr groß und es ist schon sehr unwahrscheinlich, dass du da mit einem anderen Schiff kollidierst. Aber es ist natürlich durchaus möglich.

Und in befahrenen Zonen hab’ ich mir auch den Wecker gestellt. Also im Ärmelkanal, wo ich da die zweieinhalb Tage durchgefahren bin, da waren das eher so 10 Minuten am Stück, die ich geschlafen hab’. Das waren so Powernaps, und ich hab’ dann auch am Tag immer wieder ein bisschen gedöst, um das Schlafdefizit da reinzuholen. Und, das muss man auch dazusagen, man schläft jetzt auch nicht so tief und fest. Also du nimmst ja im Schlaf auch immer wieder wahr, wenn irgendwas passiert. Wenn jetzt der Wind auffrischt und das Boot mehr Schieflage kriegt oder die Wellen ein bisschen ruppiger werden, das bekommst du alles mit. Also bei mir war das so.

Fred: Gewöhnt man sich da dran, im Laufe der Reise?

Simon: Also am Anfang war das ein wirklich sehr komisches Gefühl, einfach auf mein Boot zu vertrauen und zu sagen: „Ich lege mich jetzt mal hin und schlaf’ ein.“ Das hat ein bisschen gedauert. Aber später, wenn du mal die Routine hast und ein Gefühl für dein Boot, dann ist das ganz normal, in der Koje zu liegen. Oder draußen. Ich hab’ manchmal auch draußen geschlafen.

Fred: Was war so für dich der seltsamste Moment, wenn du alleine mitten auf dem Ozean warst?

Blick vom Heck des Segelboots auf die Windsteueranlage und eine felsige Küste
Am Heck sichtbar: die Windsteueranlage. Unermüdlich steuert sie das Boot, Tag und Nacht.

Simon: Was auf jeden Fall ein seltsames Gefühl war, war, im offenen Meer schwimmen zu gehen. Das war ganz seltsam, sich von meinem Boot wegzubewegen, auf das man ja total angewiesen ist. Auf das kleine Boot, da mitten im Meer. Also schwimmen war ich nur, wenn überhaupt kein Wind war. Dann kann es sein, dass das Meer so ganz glatt ist, so weit, wie du schauen kannst. Dann hab’ ich die Segel runtergenommen, damit das Boot nicht wegfahren kann. Weil sonst, mit Wind ist das schon gefährlich, selbst wenn du die Segel runternimmst. Das war seltsam und da war ich dann immer froh, wieder am Boot zu sein, quasi in meinem Kokon, der mich da sozusagen vor den Elementen beschützt hat.

Ein Vogel im Schlafsack

Fred: Und was hat dich an der Natur überrascht? Gab’s da irgendwelche Begegnungen mit Tieren oder so, die dir in Erinnerung geblieben sind?

Simon: Die spektakulärste Naturbegegnung war mit einem Vogel. Da hab’ ich gerade geschlafen und ich hatte immer die Türe offen, damit ich schneller draußen bin, wenn ich irgendwas machen muss. Und auf einmal platscht irgendwas so auf meinen Schlafsack und ich schreck’ mich natürlich extrem und wach’ auf, mach’ das Licht an, schau’ mit der Taschenlampe, was da jetzt los ist. Das war ein Vogel, der auf mir gelandet ist und ja, nach dem kurzen Schreckmoment habe ich mich eigentlich sehr gefreut und mir gedacht: „Super, jetzt habe ich ja ein Haustier!“

Weil, der ist irgendwie nicht weggeflogen. Der ist da herumgesessen, der war wahrscheinlich einfach schon krank oder altersschwach, weil recht viel hat er nicht gemacht. Ich habe versucht, ihn irgendwie aufzupäppeln und ich habe ihm Futter und Wasser gegeben, was er alles nicht wirklich angenommen hat. Und dann hat er sich wahrscheinlich gedacht, er will nur in Ruhe irgendwie sterben und ich glaube, meine Fürsorge ist ihm ein bisschen zu viel geworden, weil nach zwei Tagen ist er wieder aufs Meer rausgeflogen.

Vögel gab es überhaupt sehr viele. Es waren immer Vögel da. Egal wie weit man draußen war. Das hätte ich mir nicht erwartet. Vögel gab’s immer und viele. Und was ich auch sehr oft gesehen habe, waren Delfine. Da habe ich mich jedes Mal wieder gefreut, wenn die mich vielleicht auch noch ein Stück begleitet haben, sie in der Bugwelle gespielt haben oder mitgeschwommen sind. Und einmal bin ich in eine Delfinschule reingefahren, wo wirklich 50 oder 100 Delfine waren, die da gemeinsam gejagt haben. Das war sehr beeindruckend.

Wale habe ich auch tatsächlich ein paar Mal gesehen. Einmal wirklich ganz nah an meinem Boot. Ja, das war extrem beeindruckend. Der hat auch mit mir interagiert. Der war eigentlich mit zwei anderen Walen unterwegs und ist dann von den anderen Walen weggeschwommen, auf mein Boot zu, und war offensichtlich neugierig und wollte sich anschauen, was da jetzt schwimmt. Er ist dann vielleicht fünf Meter entfernt an meinem Boot vorbeigeschwommen, ganz langsam, mit seinem Auge über Wasser und hat so mein Boot ausgecheckt und dann ist er zu den anderen Walen zurück. Das war sehr faszinierend und beeindruckend, also da in dem Moment habe ich überhaupt keine Angst gehabt.

Blick unter dem Segel hindurch auf eine grüne Insel am Horizont
Land in Sicht! Zwischenstopp auf den Azoren auf dem Rückweg nach Europa.

Fred: Was fällt einem da eigentlich noch auf, wenn man den ganzen Tag nur Wasser und Himmel, also Blau in Blau in Blau sieht? Gibt’s noch andere Reize oder irgendwelche andere Farben, die du mit dem Trip auch verbindest oder ist das schon ganz klassisch, wie man sich das vorstellt?

Simon: Es war schon sehr blau, aber es ist überraschend, wie viele Farben und Formen das Meer dann doch irgendwie annehmen kann. Also, es war von silbrig bis tiefblau, grünlich alles dabei und in der Nacht hast du dann so ein bisschen Meeresleuchten vom Plankton, von den Algen. Also da kann das Meer schon überraschend viele Farben annehmen. Und der Sternenhimmel ist natürlich auch sehr, sehr beeindruckend.

Fred: Fühlt man sich dann einfach nur winzig klein in Relation zur Größe der Welt? Oder ganz im Gegenteil?

Simon: Witzigerweise fühlt man beides. Weil, natürlich bist du im Vergleich zum Meer winzig klein, aber deine ganze Welt beschränkt sich auf dein Boot, das dann irgendwie doch viel, viel größer ist.

Fred: Hat dieser Trip irgendwas mit dir gemacht? Dieser Kontakt zur Natur und einfach dieses rohe Atlantik-Dasein für diesen einen Monat, wo du jetzt vielleicht auch noch das Gefühl hast, das trägst du noch mit in dir?

Simon: Es ist nun schon ein paar Jahre her und ich weiß nicht, ob es mich tatsächlich so stark geprägt hat. Man stellt sich das immer so groß vor, aber in Wirklichkeit hab’ ich mich dann auch ganz schnell an diese neue Lebenssituation gewöhnt. Und trotzdem hab’ ich bestimmt einiges mitgenommen. Man lernt sich selbst besser kennen und ich würde auch sagen, es gibt einem ein Stück Selbstvertrauen mit. Man sieht, was man eigentlich alles machen kann, was man sich vielleicht vorher gar nicht so zugetraut hätte.

Und vielleicht die eigene Ruhe finden oder sich abfinden damit, dass man manche Dinge nicht ändern kann. Viele, die fragen, wollen dann so eine spirituelle Geschichte hören, aber die hab’ ich nicht. Bei anderen ist das vielleicht anders. Für mich war es ein Abenteuer. Eines von den großen, ja. Aber ein Abenteuer.

Bilder von der Reise

Simon steht am Bug des Segelboots und blickt aufs Meer
Alltag an Bord – Segelstellung kontrollieren und zum Zeitvertreib auf’s Meer schauen oder lesen.
Simon sitzt im Cockpit und schaut auf das Meer
 
Simon hält einen Vogel in den Händen, dahinter Wolken
Auch mitten am Ozean gab’s hin und wieder mal Besuch von Vögeln, die manchmal auch ein paar Seemeilen mitsegelten.
Simon mit einem Vogel auf der Hand, nachts an Deck
 
Ein Vogel im Flug vor blauem Himmel
15.00531, −60.46108 – 28. März 2018
Delfine an der Wasseroberfläche
Delfine, immer wieder Delfine.
Mehrere Menschen sitzen an Deck eines Boots
Unterwegs zur Bootsparty, Trinidad.
Ein gefangener Fisch liegt auf dem Deck neben einer Harpune
Ein Fisch zum Mittagessen.
Zum Anhören
Simons Geschichte gibt es auch zum Hören – im Kurious Radio.
https://the-kurious-radio.podigee.io/6-warum-nur-davon-traumen-segeln/embed?context=external
Dieser Text ist zuerst im gedruckten The Kurious Magazine erschienen. Das ganze Heft gibt es hier.
The Kurious Magazine
Issue One
064–069