
Unangenehm. Aber wahrscheinlich auch kein Zufall. Ich warte schon lange darauf, dass wir uns endlich auch jenseits des Boxrings anfreunden. Und als er dann so freundlich lächelnd mit einem halb ausgestreckten Arm auf mich zukam, konnte ich einfach nicht widerstehen, ihn zu umarmen. Er ist eine Mischung aus Teddybear und Beast-Mode-Gym-Bro, aber in Gay. Genau mein Typ. Nur wollte er mir in diesem Moment nicht signalisieren, dass unser Beziehungsstatus ein neues Level erreicht hat, sondern dass ich ihm sieben Pfund schulde. Sieben Pfund für 90 Minuten Schweiß, Sarkasmus und Bootcamp-Drill.

Verlegen schlurfe ich in Richtung Umkleide. Ich bin von Scham erfüllt. Das war zu nahe. Ein sozialer Fauxpas. Ich hab’ ihn umarmt, weil ich ihn mag. Ich freue mich, wenn wir uns sehen, und ja, sein Trainingsstil, der dem von Army Drill Sergeants nicht unähnlich ist („Do you think this is a tea break?“), entspricht meiner masochistisch veranlagten Sportpersönlichkeit. Nur, diese losen Bekanntschaften aus dem Fitnessstudio, von der Arbeit und vom Pubquiz sind eben das: lose Bekanntschaften. Nach vier internationalen Umzügen in vier Jahren brauche ich aber endlich wieder mehr. Ich brauche Freund:innen, bzw. konkreter: Ich brauche Freund:innen in meiner Nähe.
Denn ich habe Freund:innen. Viele sogar. Nur eben nicht hier, in London. Sondern in Wien, Berlin, Boston, Bangkok. Das klingt glamourös – und ist es manchmal auch. Wenn ich mitten in der Nacht nach Hause komme, halb müde, halb berauscht, dann ist es perfekt, wenn meine Freundin in Boston gerade Mittagspause hat. Auch für Albträume taugt dieses Zeitzonen-Netzwerk: Irgendjemand ist immer wach. Aber Zeitzonen sind schlechte Begleiter für Alltagsdramen. Wenn ich auf dem Heimweg kurz über meinen Chef oder einen mansplainenden Kollegen ablästern will, kann meine Freundin in Boston gerade nicht zuhören, weil sie in einem Großraumbüro sitzt. Für kurze, banale Solidarität taugt die Fernfreundschaft also nicht. Sie ist eher für große Reisen, für Vorfreude, für „Bald sehen wir uns wieder“-Magie. Nicht für „Du glaubst nicht, was Herbert gerade zu mir gesagt hat“.

Dass ich mich endlich wieder längerfristig niedergelassen habe, ist nicht der einzige Grund für mein Bedürfnis nach Leuten, die ich an einem Montagabend anrufen kann, um über die neue Staffel von Love is Blind zu reden. Ich bin auch einfach 35. Ein Alter, in dem sich nochmal so manche Lebenswege voneinander entfernen. Viele meiner engen Freund:innen haben andere Entscheidungen getroffen. Mit 1 bis 2,5 Kindern liegen die Prioritäten, Kapazitäten und Interessen oft einfach woanders. Der Blick richtet sich nach innen: Die eigene Familie macht einen Großteil des sozialen Umfelds aus. Während sie sich wünschen, endlich mal wieder komplett alleine zu sein, frage ich mich, wie lange ich schon nicht mehr mit Leuten gesprochen habe, mit denen ich mir keine Wohnung teile.
Zugegebenermaßen, oft ist das auch okay. Meine soziale Energie ist sehr viel schneller ausgeschöpft als noch vor ein paar Jahren. Manchmal reicht schon ein Gespräch mit dem DHL-Boten und ich muss mich erstmal hinlegen. Und so bin auch ich faul geworden. Oft gewinnt die Couch. Oder Netflix. Oder der Hund. Denn die Aussicht, sich nochmal aufzuraffen, das Haus zu verlassen und zu sprechen, ist oft ungefähr genauso verlockend wie eine Wurzelbehandlung ohne Betäubung. Das klappt für mich nur, wenn alles genau geplant ist, die Tickets nicht storniert werden können und die drei Kaffees, die notwendig sind, um bis nach 22 Uhr wach zu bleiben, schon getrunken sind.
Um neue Freund:innen zu finden, braucht es aber Spontanität. Denn Freundschaften entstehen immer an genau den Abenden, an denen man eigentlich nach Hause wollte und dann doch geblieben ist.
In den Momenten, in denen man sich plötzlich in einem engagierten Gespräch wiederfindet und merkt, dass es doch Leute da draußen gibt, mit denen man Gemeinsamkeiten hat. Aber ist das den Aufwand wert? Die medizinische Antwort ist eindeutig: Ja. Freundschaft ist angeblich gesund. Menschen mit stabilen sozialen Beziehungen leben länger, glücklicher, resilienter. Freund:innen sind das bessere Vitamin D. Das sagen Studien, und sogar die WHO spricht inzwischen davon.

Aber die Aussicht auf ein gesundes Leben treibt mich nicht an. Da hab’ ich eine viel zu pessimistische Sicht aufs Leben. Aber genau deswegen brauche ich Freund:innen. Nicht für die Gesundheit, sondern um dieses Leben etwas schöner oder erträglicher zu machen.
Eines ist jedenfalls sicher: Ich fühle mich oft allein. Wenn etwa das nächste Kylie-Minogue-Konzert ansteht und ich meine Freude mit jemandem teilen möchte. Oder auch einfach, wenn ich eine Ausrede brauche, um mich von meinem Schreibtisch wegzubewegen. Denn mal ehrlich, was ist das für ein Leben, das auf Karriere und Selbstoptimierung verwendet wird, nur weil ich nichts Besseres zu tun habe?
Also, ist es das wert? Als ich dann ein bisschen über Freund:innenschaften in der Lebensmitte recherchiere, wird schnell klar, dass die Meinungen ziemlich auseinandergehen. Die einen folgen dem Prinzip NNP (No New People). Sie haben keine Lust und Energie für den Kennenlernprozess und das Austauschen von Lebensgeschichten, Hobbies und Interessen. Sie bleiben lieber bei dem, was sie haben. Vielleicht reichen ihnen auch einfach ihr Partner bzw. ihre Partnerin und die Kernfamilie aus.
Am anderen Ende des Spektrums sind dann jene, die nicht nur viele Freund:innen brauchen (quasi eine Person für jede Laune), sondern denen Freund:innenschaften auch noch wichtiger sind als Liebesbeziehungen. In ihren Augen sind Freundschaften oft langlebiger, lassen die rosarote Brillenphase aus und können genauso intensiv wie intime Partnerbeziehungen sein.

Ich bin wahrscheinlich irgendwo dazwischen. Klar ist: Ich bin (relativ) neu in der Stadt, habe keine Kinder, keinen Kinderwunsch, und laufe auch nicht Gefahr, versehentlich schwanger zu werden. Ich wünsche mir Freunde. Welche, die in der gleichen Stadt wohnen. Welche, mit denen ich mir ein überteuertes Dessert in einem ganz normalen Café teilen kann.
Also mache ich mich auf den Weg. Das Kurious Magazine ist eine gute Ausrede aufzustehen, das Mikro in die Hand zu nehmen und – nur für euch! – Wege zu testen, wie man neue Freund:innen finden kann. Wie es mir ergangen ist, das könnt ihr euch im Podcast The Kurious Radio anhören. Ich habe jedenfalls Menschen getroffen. Und einer dieser Personen schreibe ich ein paar Wochen später das hier:
Ilona: Hi Raph, this is Ilona from the Dykes who hike in late March! I was the weirdo who recorded every conversation i had for a podcast. How’s the flat buying process going? Are you planning on going on any more hikes this summer? Hope you have a great rest of your weekend. Ilona
Raph: Yes definitely, drop me a line when you’re back and we can go do something
Ilona: great, will do! maybe once you’re all set in the new place and i’m back from thailand we can go for a drink or something
Was ich bei diesem Experiment gelernt habe: Dass die eigentliche Aufgabe wahrscheinlich darin besteht zu lernen, wie man über das „Hi, wie geht’s?“ hinauskommt. Freundschaften wachsen nicht aus Höflichkeit, sie wachsen aus Mut, Dranbleiben und wohl auch Peinlichkeiten.

„Ich bin jetzt 35 und es hat sich gefühlt nichts verändert, seit ich 15 war.“
Ilona testet in London zwei Wege, neue Menschen kennenzulernen und Freund:innen zu finden, die beide völlig außerhalb ihrer eigenen und – ich würde sagen – der allermeisten menschlichen Komfortzonen liegen:
1. Wandergruppe
„In a time where many of us feel shy about connecting in person, there’s a real need for community — our events help to facilitate that“, sagt Yasmin Message, Co-Founder von Dykes Who Hike, einer Wandergruppe für queers, bi, trans and non-binary folk, die sich in unregelmäßigen Abständen rund um London trifft. Klingt super, finde ich. Aber ganz alleine an so einem Event teilnehmen?
2. Dinner mit Fremden
Vielleicht habt ihr es schon in eure Social-Media-Feeds reingespielt bekommen: Es gibt mittlerweile Unternehmen, die versprechen, bei einem Dinner Menschen zusammenzubringen, die potentiell Freunde werden könnten. Ein freundschaftliches Blind Date zu sechst. Ich habe all meinen Mut zusammengenommen und bin tatsächlich hin.
„Ich habe natürlich sofort beschlossen, dass ich gleich gar nicht erst in meine Komfortzone zurückkehre, sondern ein Lager außerhalb aufschlage und das Ganze ausprobiere.“