← The Kurious LetterDer Kurious LetterHallo, liebe Kurious-Menschen!

Heute kommt die Freitagspost wieder von mir, Andreas. Ich war diesen Sommer ziemlich viel unterwegs. Und obwohl ich hier ja schon groß darüber geschrieben habe, wie ich mein Smartphone mit einem Klapptelefon ersetzen will, war auf meinen Reisen das Smartphone trotzdem immer dabei. Warum? Weil es sich irgendwie fast fahrlässig angefühlt hat, es nicht in der Hosentasche zu haben. Es gibt mir das Gefühl von Sicherheit, vor allem die Sicherheit, mich nicht zu verirren.
Die Frage ist nur: Geht dabei nicht auch etwas verloren?
Für alle, die neu im Newsletter sind: Er funktioniert so: Meine Kollegin und Mitherausgeberin Iris und ich wechseln uns hier wöchentlich ab, um euch vor dem Wochenende mal mehr, mal weniger tiefgründige Gedanken darüber ins Postfach zu schicken, wie man mehr Neugierde ins Leben bringt – plus Empfehlungen für Podcasts, Bücher, kleine Abenteuer und hin und wieder auch die eine oder andere Challenge. Feedback und Anmerkungen gerne direkt an andreas@thekuriousmag.com!
Vor einigen Jahren sind ich und ein guter Freund in Richtung Italien aufgebrochen. Er ist Künstler und es passiert regelmäßig, dass er plötzlich ganz, ganz spezielle Dinge braucht, um seine Kunstwerke zu erschaffen. Zu dieser Zeit war es eine besondere Art Leder, die es laut seinen Recherchen nur in der Toskana in Italien gab. Er hat mich eingeladen mitzukommen, ich habe ja gesagt und wir sind in seinen rostigen 80er-Jahre-Mercedes-Kombi gestiegen und haben uns auf den Weg gemacht. Es war alles wunderbar. Italopop aus dem alten Radio, der erste Espresso gleich auf der ersten Tankstelle nach dem Grenzübergang und das schönste spätsommerliche Wetter. Pure Lebensfreude. Doch so rosig ist es dann aber nicht geblieben, denn schon nach kurzer Zeit hat sich ein Konflikt zwischen uns entwickelt: Denn mein Freund verwendete kein Navigationsgerät. Er fuhr einfach drauflos. Ich gehe davon aus, dass er sich im Vorfeld die Wegstrecke angesehen hat, denn bis Bologna hatten wir noch kaum Probleme, doch nach und nach passierte es uns dann, dass wir uns in der italienischen Pampa verloren. Wir fuhren über Hügel und durch Dörfer, ohne wirklich zu wissen, wo wir waren. Dabei saß mein Freund mit einer seltsamen Gelassenheit vor dem Steuer, während sich mein Cortisollevel auf dem Beifahrersitz stark erhöhte. Mich hat das absolut wahnsinnig gemacht.
Meine Lösung war, ihm Google Maps aufzudrängen. Ich habe immer wieder das Handy herausgeholt, Route gesucht und ihm die Wegbeschreibung aufgedrängt, während er aktiv daran arbeitete, meine Navigationsarbeit zu ignorieren. Unser ganzer Trip war von dieser Dynamik geprägt. Und obwohl das jetzt schon einige Jahre her ist, muss ich immer wieder daran denken. Einerseits, weil das Ganze eine sehr schrullige Komik hatte, aber vielmehr, weil ich weiß, dass ich uns beiden auch einen der schönsten Momente dieser Reise genommen habe. Nämlich genau das, was er eigentlich wollte: sich einfach zu verlieren. Nur ich war dazu leider nicht bereit.
Das Interessante dran ist aber, dass mir eigentlich das „Sichverlieren“ gar nicht fremd war. Mit Anfang zwanzig bin ich einmal mit dem Fahrrad von Wien nach Athen gefahren. Ich habe jede Nacht im Zelt geschlafen und mit 3 Straßenkarten navigiert, weil es Smartphones da noch nicht wirklich gab. Praktisch gesehen habe ich mich eigentlich immer nur Richtung Süden orientiert.

Dabei bin ich dann auch einmal fast von einem Hunderudel gegessen worden und dann auch tatsächlich für fast 100 Kilometer auf der mazedonischen Autobahn gelandet (mir wurde gesagt, dass es keine Alternative gibt). Dabei kann ich mich noch sehr genau an eine Nacht neben dieser mazedonischen Autobahn erinnern, als ich im Zelt lag und durch eine Existenzkrise ging. Denn ich war im gefühlten Nirgendwo. Hinter mir lagen ungefähr tausend Kilometer, vor mir noch einmal ungefähr tausend. Und mein ganzer Geist drehte sich nur um die eine Frage: „Was machst du da eigentlich?“ Ein Moment purer Verzweiflung, der sich seither als einer der freiesten und schönsten Momente meines Lebens eingeschrieben hat. Ich war vollkommen auf mich gestellt. Niemand wusste, wo ich gerade war, inklusive mir. Ich war vollkommen verloren und gleichzeitig vollkommen frei.
Aber irgendwo zwischen meiner Nacht in Mazedonien und meiner zwanghaften Ortsbestimmung auf dem Beifahrersitz des alten Mercedes hat sich etwas verändert, denn in diesen Jahren hatte ich mir das Verlorengehen ziemlich erfolgreich abgeschafft. Und ich glaube, ich bin da nicht ganz alleine. Denn seit wir alle ein Navigationsgerät in unseren Hosentaschen tragen, wissen wir alle immer, wo wir sind. Wir fahren in eine fremde Stadt und bewegen uns gezielt wie eine Taube zu einem Restaurant, das auf Google 4,7 Sterne hat, und ignorieren alles andere auf unsrem Weg dorthin. Wir schauen nach, welche Sehenswürdigkeit sich „wirklich lohnt“. Wissen genau, welchen Weg wir nehmen müssen. Wie lange wir dafür brauchen. Und wenn uns unterwegs irgendetwas interessiert, müssen wir auch mit dieser Unsicherheit nicht besonders lange leben: Wir googeln es einfach.
Man kann den Wunsch nach einer Rückkehr in die Zeit vor dem Smartphone natürlich auch putzig finden. Schallplatten, Klapptelefone, Papierkarten, Notizbücher. Ein Leben wieder wie „früher“. Aber darin steckt, glaub ich, sehr viel mehr als Nostalgie. Es ist auch der Wunsch, dass das Leben wieder etwas offenlässt. Dass mir nicht alles angezeigt, ausgewählt und angesagt wird. Dass ich manchmal nicht weiß, was mich erwartet. Oder eben auch, wo ich gerade bin. Das Recht darauf zu haben, mich einfach so zu verlieren. Nur im Gegenzug muss ich das dann auch aushalten können. Denn für diese Freiheit muss ich auch der Unsicherheit mit Neugierde begegnen können. Etwas, das mir am Beifahrersitz verloren in der Toskana komplett gefehlt hat.

Iris hat mir dazu „A Field Guide to Getting Lost“ von Rebecca Solnit empfohlen. Das Buch ist schon 2005 erschienen. Ich habe es noch nicht gelesen, deswegen kann ich euch nur sagen, dass Iris es als sehr gut empfunden hat. Die Buchempfehlung kommt diesmal also von Iris, ich gebe sie euch hier weiter. Beim Titel fühle ich mich jedenfalls schon angesprochen.
Geh diese Woche einmal irgendwo los, wo du dich nicht so gut auskennst. Ohne vorher ausgesuchte Route. Ohne ein Ziel, das du unbedingt erreichen musst. Bieg dort ab, wo dich etwas neugierig macht. Und lass dein Telefon zuhause.
Schönes Wochenende – stay kurious!
Liebe Grüße
Andreas