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Der Kurious Letter
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31/7/2026

Rabbit Hole: Ahnenforschung 🔍

Ein Erfahrungsbericht und eine kleine Anleitung für alle, die ihre Familiengeschichte bisher für eine Blackbox gehalten haben.

Hallo, liebe Kurious-Menschen!

Heute kommt die Freitagspost wieder von mir, Andreas. Ich war die letzten zwei Wochen auf Urlaub in den Tiroler Bergen und bin da nicht nur auf Berge gestiegen, sondern auch (absolut unerwartet) in ein neues Rabbit Hole gefallen: die Ahnenforschung.

Vor zwei Wochen wusste ich fast nichts über meine Vorfahren. Inzwischen weiß ich von mehr als 300. Deswegen gibt es heute einen Erfahrungsbericht und gleichzeitig eine kleine Anleitung für Menschen, die sich, so wie ich, bisher noch nie wirklich mit ihren Wurzeln beschäftigt haben.

Andreas und seine Frau vor einem Gipfelkreuz in Tirol

Wer neu ist im Newsletter, er funktioniert so: Meine Kollegin und Mitherausgeberin Iris und ich wechseln uns hier wöchentlich ab, um euch vor dem Wochenende mal mehr, mal weniger tiefgründige Gedanken darüber ins Postfach zu schicken, wie man mehr Neugierde ins Leben bringt – plus Empfehlungen für Podcasts, Bücher, kleine Abenteuer und hin und wieder auch die eine oder andere Challenge. Feedback oder Anmerkungen könnt ihr mir auch gerne persönlich schreiben. Einfach auf andreas@thekuriousmag.com!

Ich dachte, es gäbe nicht viel zu wissen

Es klingt vielleicht etwas seltsam, aber bis vor zwei Wochen hat mich meine Familiengeschichte kaum interessiert. Es gab zwar immer wieder Erzählungen, die kurz den Gedanken in mir ausgelöst haben, doch einmal genauer nachzuforschen. Zum Beispiel die Geschichte von einem Onkel, der (angeblich) von Interpol gesucht wurde und dann in einem türkischen Gefängnis verschwand. Oder die Erzählung, dass ein Teil meiner mütterlichen Familie von der Volksgruppe der Jenischen abstammen soll.

Mit dem Gedanken, von einem „fahrenden Volk“ abzustammen, konnte ich mich immer auf eine seltsame Weise identifizieren. Auch wenn ich weiß, wie blöd das klingt. (Kleiner Spoiler: Bis jetzt habe ich dafür leider noch keinerlei belastbare Hinweise gefunden.)

Alles in allem war meine Familiengeschichte für mich immer eine Art Blackbox. Und ich hatte auch nicht wirklich vor, sie zu öffnen. Woher dieses Desinteresse kam, lässt sich, wenn ich ehrlich bin, ziemlich leicht bestimmen: Die Seite meines Vaters ist von Traumata, generationenübergreifendem Alkoholismus und psychischen Erkrankungen durchzogen. Das hat nicht nur meine Beziehung zu ihm belastet. Es hat mir auch das Gefühl gegeben, dass es vielleicht besser wäre, nicht zu tief zu graben.

Die Dinge ruhen zu lassen. Mein Desinteresse an der eigenen Vergangenheit war also wahrscheinlich, zumindest teilweise, ein emotionales Ausweichverhalten.

Das ist mein erstes persönliches Learning aus zwei Wochen Crash-Kurs- Ahnenforschung: Das Verhältnis zu einem einzigen Menschen kann den Blick auf deine ganze Familie verstellen. Dementsprechend fühlt sich mein neues Hobby, inzwischen auch ein wenig so an, als würde ich mich mit meiner eigenen Geschichte aussöhnen.

Ein altes Familienfoto wird in der Hand gehalten

Der 90. Geburtstag meiner Tante

Wie ich diese erste Hürde – vom Desinteresse zur Neugier – dann doch genommen habe, hat mit dem 90. Geburtstag meiner Lieblingstante zu tun. Es war ein seltener und schöner Anlass, bei dem der engste Kreis der Familie zusammengekommen ist. Meine Mutter erzählte mir, dass meine Tante viele alte Fotos besitzt, und bat mich, sie abzufotografieren, damit sie nicht irgendwann verloren gehen.

Altes Familienfoto eines Mannes mit zwei Mädchen und einem Hund

Beim gemeinsamen Anschauen begann meine Tante natürlich auch zu erzählen. Sie wurde 1936 geboren, ist topfit und hat ein Elefantengedächtnis. Noch dazu hat sie unseren Großvater gepflegt, der 101 Jahre alt wurde. So sind bei ihr nicht nur die eigenen Erinnerungen, sondern auch viele Geschichten aus der Generation davor erhalten geblieben. Sie erzählte von Urgroßmüttern und Ururgroßvätern, von Geschwistern, Häusern, Bränden und Umzügen und auch von der Besatzungszeit nach dem Krieg.

Altes Familienfoto einer Mutter mit drei Kindern

„Die Amerikaner“, wie sie bis heute sagt, wohnten damals tatsächlich im Haus mit ihnen. Die Familie musste in einem Zimmer zusammenrücken, während der Rest von den Alliierten genutzt wurde. Dabei gingen die Soldaten durch genau das selbe Stubenfenster ein und aus, vor dem wir gesessen sind, als sie mir das erzählt hat. Die Amerikanische Besatzung hat auch gleich etwas andere aufgeklärt: wo der leere Metallsarg, der bis heute auf ihrem Dachboden steht, gekommen ist. Den haben sie dort vergessen.

Zweites Learning: Bei mir war dieser Erzählanlass ein Zufall. Dabei ist es ein Privileg, noch jemanden in der Familie zu haben, der sich an so viel erinnert. Nimm die Erzählungen auf. Die AI - Transkription lässt sich anschließend durchsuchen, ordnen und mit Fotos, Namen und Jahreszahlen verbinden. Was früher tagelange Kleinarbeit gewesen wäre, lässt sich heute in kurzer Zeit in eine erste strukturierte Familienchronik verwandeln!

Von null auf 70

Diese erste kleine Chronik umfasste dann auch gleich erstaunlich viele Menschen. Einige sogar mit Geburts- und Sterbedatum. Dabei war mir zunächst gar nicht klar, auf welcher Goldgrube ich da quasi saß. Denn der Plan war eigentlich nur, diese Daten in eine einfache Ahnentafel einzufügen. Bei der Recherche war ich dann, als naiver Ahnenforschungslaie, vollkommen überrascht davon, welche Plattformen es mittlerweile gibt! Ich hab ein paar ausprobiert und mich dann für MyHeritage.com entschieden.

(Keine Werbung!) Ich gab ohne große Erwartungen einfach jene Personen ein, deren Daten ich hatte: Eltern, Großeltern, einige Geschwister sowie die Namen aus den Erzählungen meiner Tante.

Und dann: BOOM.

Plötzlich passte eine Person aus meinem Stammbaum zu einer Person aus einem anderen Stammbaum – und diese wiederum zu weiteren. Dort waren Eltern, Geschwister und zusätzliche Daten eingetragen. Aus einer Handvoll Namen entstand mithilfe des Algorithmus innerhalb eines Tages ein Netz aus fast 70 Personen. Ab diesem Moment wurde die ganze Sache endgültig zur Schnitzeljagd für mich.

Die digitale Ahnentafel von Andreas

Das Internet besteht auch aus sehr, sehr, sehr vielen Kirchenbüchern

Nach dem ersten Boom kam allerdings ziemlich schnell die Ernüchterung. Denn sobald bei einer Person genaue Geburtsorte oder Jahreszahlen fehlen, ist es sehr easy, sie mit jemand anderem zu verwechseln. Die Menschen hießen früher, genau wie heute, nicht besonders originell. Plötzlich gibt es drei Franz Xaver X, fünf Anna Maria X, und irgendwo passt ein Geburtsjahr immer ungefähr. Nur selten hat man das Glück, einen Blasius Aloysius Ignaz in der Familie zu haben, den man nur schwer verwechseln kann.

Ist bei mir der Fall. Grüße gehen raus an einen meiner Ururgroßväter.

Es wird also sehr schnell sehr unübersichtlich, weil es einfach SO VIELE MENSCHEN sind. Das ist eigentlich auch logisch, wenn man bedenkt, wie viele Vorfahren ein Mensch theoretisch hat: zwei Eltern, vier Großeltern, acht Urgroßeltern und so weiter. Die Zahl verdoppelt sich mit jeder Generation. Geht man weit genug zurück, wird diese Rechnung absurd: Stammbäume verlaufen deshalb nicht wie saubere Bäume, sondern falten sich ständig wieder ineinander.

Ich bin mir daher auch ziemlich sicher, bald irgendwelche Verwandtschaften innerhalb meiner Familienstränge zu finden.

Die Konsequenz aus dieser wachsenden Unsicherheit ist jedenfalls, dass man irgendwann in die Originalbelege schauen muss, um die einzelnen Menschen wirklich auseinanderhalten zu können. Und dann kam der nächste Crazy Fact, von dem ich ebenfalls nichts wusste:

Das Internet besteht auch aus sehr, sehr, sehr vielen Kirchenbüchern.

Auf Matricula Online, einem europäischen Kirchenbuchportal, findet man digitalisierte Tauf-, Trauungs- und Sterbebücher aus Österreich, Deutschland und mehreren anderen europäischen Ländern. Dazu kommen historische Zeitungsarchive. In Österreich gibt es beispielsweise ANNO, das digitale Zeitungs- und Zeitschriftenportal der Österreichischen Nationalbibliothek.

Deutschland hat das Deutsche Zeitungsportal, und auch in der Schweiz gibt es entsprechende digitalisierte Bestände – allerdings noch nicht ganz so zentralisiert. Damit hat man Werkzeuge in der Hand, mit denen man überprüfen kann, ob eine Person zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort geboren wurde, wer ihre Eltern waren und so weiter.

Für die Historiker:innen unter euch ist das wahrscheinlich ein Schmunzeln wert, aber ich hatte keine Ahnung, dass inzwischen SO VIELE digitale Bestände online verfügbar sind. Auch Personenregister aus Städten oder alte Telefonbücher lassen sich finden. Und ich bin mir sicher viele, sehr nützliche Portale noch gar nicht entdeckt zu haben. Ich bin auch für Tipps sehr dankbar! Gerne direkt an andreas@thekuriousmag.com.

Digitalisierte Seite eines historischen Kirchenbuchs

Drittes Learning: Ahnenforschung ist heute viel einfacher zugänglich, als ich gedacht hatte. Es gibt Plattformen wie MyHeritage usw., die dir automatischen Matches geben. Überprüfen kann man sie dann oft direkt online: Kirchenbücher gibt es etwa auf Matricula Online, historische österreichische Zeitungen auf ANNO und deutsche Zeitungen im Deutschen Zeitungsportal. Man braucht für den Einstieg also kein Archiv. Oft reichen ein paar Namen, ungefähre Jahreszahlen und sehr viel Neugier.

Die Kirchenbücher sind teilweise sehr schwer zu entziffern, dabei hilft eine Korrent-Schrift-AI!

Zwei Brände, ein Tischlermeister und sehr viele frühe Tode

Aus den Erzählungen meiner Tante kannte ich zum Beispiel zwei Hausbrände in unserer Familie. In historischen Zeitungsarchiven konnte ich nachvollziehen, wann sie tatsächlich stattgefunden hatten, und erfuhr auch viel über die Begleitumstände.

Über die Kirchenbücher und alte Zeitungsanzeigen fand ich außerdem Blasius Aloysius Ignaz. Er verlor mit 13 Jahren seinen Vater und wurde später Tischlermeister. Im Zeitungsarchiv fand ich Anzeigen, in denen er nicht nur Tischlerarbeiten, sondern auch Särge nach Maß und gleich dazu die Organisation von Begräbnissen anbot. Ein schlaues Geschäftsmodell! Besonders alt wurde er allerdings nicht: Er starb mit 57 Jahren an Lungensucht.

Seine Frau Katharina war danach Witwe mit vier Kindern, die sich später in alle Richtungen zerstreuten. Ich fand viele weitere Menschen und Ehen – und vor allem erschreckend viele tote Kinder, die nur wenige Tage, Monate oder Jahre lebten. In mehr als einem Fall wurde der Name eines verstorbenen Kindes später an das nächste Kind weitergegeben. Ein Ausdruck eines „pragmatischen“ Umgangs mit so viel Tod, schätzte ich. Aber irre, wie sich die Medizin weiterentwickelt hat!

Inzwischen habe ich schon sehr, sehr viele Stunden in Kirchenbüchern verbracht und lerne dabei langsam, Kurrentschrift zu lesen. Was je nach Handschrift sehr einfach oder extrem schwierig sein kann. Als Hilfe verwende ich (wie schon erwähnt) eine KI namens Transkribus, die historische Handschriften automatisch erkennt. Wieder keine Werbung!

Zwei gerahmte Familienfotos, eines mit einer größeren Familie und eines mit zwei Frauen

Plötzlich ist meine Familie riesig

Also, die letzten zwei Wochen waren bei mir komplett der Familienrecherche gewidmet. Das Schrägste an der ganzen Sache ist dabei: Ich dachte eigentlich immer, meine Familie sei klein. Jetzt ist sie plötzlich riesig.

Ich weiß inzwischen, dass wir Cousinen in Deutschland, der Schweiz und den USA haben (Grüße auch nach Kansas). Menschen, von deren Existenz ich vor zwei Wochen noch keine Ahnung hatte.

Das verändert auf eine seltsame Weise meinen Blick auf mich selbst und auf die Welt. Wie genau, weiß ich noch nicht. Es ist zu frisch, als dass ich es wirklich verstehen könnte.

Aber das Schöne ist: Ich bin neugierig geworden! Ich will mehr Geschichten hören und auch hinter die Namen und Daten blicken. Dieses Hobby steht also erst am Anfang und verbindet mich schon jetzt nicht nur mit der Vergangenen, sondern vor allem mit meiner lebenden Familie.

Schönes Wochenende – stay kurious!

Liebe Grüße

Andreas

Lass uns zusammen Neugierig sein!