← The Kurious LetterDer Kurious LetterHallo, liebe Kurious-Menschen!
Und willkommen zu einem neuen Freitagsletter, der diesmal wieder von mir, Iris, kommt. Mein Kollege - The Kurious Magazine-Co-Herausgeber - Andreas und ich wechseln uns hier wöchentlich ab, um euch mehr oder weniger tiefgründige Gedanken für ein abenteuerlicheres, neugierigeres, vielleicht auch analogeres Leben in die Inbox zu schicken.
Da geht es manchmal um ganz große Dinge, etwa die Frage, wie wir uns unser Leben erträumen oder wie viel Zeit uns eigentlich im Leben bleibt. Und manchmal schreiben wir auch über ganz konkrete Dinge, die uns gerade begeistern oder unser Leben bereichern und wie wir z.B. versuchen uns selbst beizubringen Dinge schlecht statt gar nicht zu tun.

Heute zum Beispiel will ich euch von einer Sache erzählen, auf die ich vor Kurzem wieder neu gestoßen bin. Ich war nämlich – zu meinem Geburtstag – auf einem sogenannten Sound Bike Ride. Und das klingt vielleicht etwas schräg und ein bisschen artsy und ja, es war beides. In diesem Fall aber auf die allerbeste Art und Weise. Und es hat mich auch daran erinnert, wie unfassbar großartig es sich anfühlt, in einer Gruppe von Menschen auf der Straße Rad zu fahren.
Habt ihr das schon mal getan? Wart ihr schon mal auf einem Bike Ride oder bei einer Critical Mass?
Lustigerweise habe ich das zu ganz unterschiedlichen Zeitpunkten in meinem Leben erlebt: als Teenager auf Inline-Skates in Paris, mit meinen Bike-Nerd-Friends bei einer der frühen Critical Mass in Wien, und einmal sogar mit Andi (meinem Kurious Kompagnon, wie ihr am Foto seht), oder vor Kurzem mit meiner Nichte bei einem Kinder-Bike-Ride. Aber ich habe das nie regelmäßig gemacht.
Jedes Mal hat mich der Ride aber auf eine ganz seltsame Art und Weise berührt und - ich würde fast sagen - ergriffen. Auch wenn das sehr, sehr kitschig klingt, es ist die Wahrheit. So ein Bike Ride tut etwas mit einem (zumindest mit mir). Und deshalb will ich heute davon schreiben, denn vielleicht geht es euch auch so.
Davor aber noch ein Hinweis: Wer hier neu ist oder wer gerne im Archiv wühlen will: Wir haben nun alle Letter online gestellt! Wer also etwas verpasst hat, muss kein FOMO mehr haben. Ihr könnt euch hier durch alle durch-lesen.
Und dann noch ein Hinweis: Wir freuen uns mächtig darüber, mit euch in Kontakt zu kommen. Wer mir also antworten möchte, kann das sehr gerne tun: hallo@thekuriousmag.com !
Und über Postkarten freuen wir uns natürlich auch! Wir sind in Wien in der Nikolsdorfer Gasse 7–11, Tür 17, 1050 Wien, zu Hause.
Wie geht es euch mit dem Fahrradfahren in der Stadt? Seid ihr Kategorie Naja, in der Stadt ungern, das ist zu gefährlich oder Niemals ohne mein Fahrrad unterwegs? Eher Kategorie Lasten-E-Bike mit zwei Kindern und einem Hund, oder altes, stylisches Rennrad ohne gute Bremsen oder voll ausgestattetes, gut serviciertes Stadtfahrrad für alle Jahreszeiten?
Ich bin irgendwo am fahrradaffinen Rand angesiedelt. In meinem eigenen Selbstverständnis würde ich jeden Weg mit dem Fahrrad nehmen, durch die Stadt rasen und dann total lässig und unverschwitzt ankommen.
In der Realität fahre ich die allermeiste Zeit – vor allem bei (schon wenig) Wind, (ein wenig) Regen oder (oh mein Gott) Schnee – lieber mit der Straßenbahn. Um ehrlich zu sein auch, weil ich da ungestört meiner Handysucht frönen kann, wenn wir schon bei ehrlichen Geständnissen sind.

Dabei habe ich eine Zeit lang sogar mit ziemlichen Fahrradnerds in einer WG gewohnt. Der eine davon war letztes Jahr auf einer zweiwöchigen Fahrradtour alleine (!) durch die australische Wüste unterwegs (mit dem gesamten Wasservorrat im Gepäck! - wie verrückt ist das bitte?). Die anderen haben lange als Bike Messenger gearbeitet. Alle von ihnen wollten mich dazu bringen, mich mehr mit meinem damaligen Fahrrad, einem sehr schicken roten Rennrad, anzufreunden. Sprich: es selbst zu reparieren und zu pflegen, daran herumzuschrauben.
Das hat aber nie geklappt. Denn selbst wenn es mir Spaß macht, Dinge auseinanderzunehmen, muss ich gestehen, dass mir die Geduld – oder etwas anderes – fehlt, sie auch wieder richtig zusammenzubauen. Da gebe ich auf. Und bezahle lieber die Leute im Fahrradladen um die Ecke dafür.
Irgendwer von meinen nerdigen Freund:innen hat mich dann in den 2000er-Jahren zu einer Critical Mass mitgenommen.
Die Critical Mass, falls euch das nichts sagt, sind Bike Rides, die regelmäßig stattfinden und einen politischen Anspruch haben: nämlich auf die Rechte von Fahrradfahrer:innen aufmerksam zu machen. Es gibt kein Organisationsteam, so die Idee. Die Gruppe an Menschen trifft sich zu einem gewissen Zeitpunkt rein "zufällig". Entstanden ist das Konzept Anfang der 1990er-Jahre in San Francisco. Mittlerweile gibt es in wirklich vielen Städten regelmäßige Rides und auch welche für Kinder, die Kidical Mass - Links zu all dem stelle ich euch unten rein.

Aber zurück zu meiner ersten Critical Mass Erfahrung.
So um die zweihundert Menschen werden es damals schon gewesen sein, die da waren und mit lautem Fahrradgeklingel losradelten. In einer doch ziemlich schnellen Geschwindigkeit, mitten auf die Straßen hinaus, vor die Autos und entlang der größten Verkehrsadern Wiens. Mal links, mal rechts, immer an der Polizei vorbei, begleitet von lauter Musik.
Irgendwann sind wir auf den Gürtel abgebogen, eine vier- bis sechsspurigen Hauptverkehrsroute am Rand der inneren Stadt. Ein Ort, an dem man als Fahrradfahrer:in auf keinen Fall sein möchte. Aber so, in der Gruppe, war alles möglich. Vor dem damaligen Südbahnhof fuhren wir durch die Unterführungen. Für kurze Zeit gab es keinen Autoverkehr. Wir waren die kritische Masse, die sich mit lauter Musik und guter Laune den Raum nahm.
Selbst wenn ich heute daran denke, steigt mir ein kleiner Schauer über den Rücken. Was für ein Wahnsinnsgefühl das war! Ehrlich. Unfassbar.
Und das Lustige ist: Sehr ähnlich ging es mir auch ein paar Jahre davor, als ich mit meiner Schwester mit den Inlineskates bei einem Ride in Paris dabei war, und Jahre später, also in diesem Jahr, als ich mit meiner Nichte bei einem Bike Ride für Kinder dabei war.
Das Erlebnis am Gürtel war punkig und rotzig, aber voll Spaß. Es hatte keine ernste Atmosphäre, wie auf einer Demo, aber es war auch ganz klar ein politisches Statement einer Gruppe von Bike-Nerds und deren Affiliates.

Heute hat sich die Critical Mass verändert und ist viel breiter und weniger nerdig geworden. Vor der Polizei fährt man nicht mehr davon, die ist mittlerweile da, um gegebenenfalls Straßen abzusperren.
Das Fahrradfahren in der Stadt ist immer noch ein politischer Anspruch, aber selbst in einer autoaffinen Stadt wie Wien gibt es mittlerweile ein Bewusstsein dafür, dass Fahrradfahren etwas Erstrebenswertes ist.
Aber an dem erhabenen Gefühl, in einer Gruppe auf der Straße unterwegs zu sein, ändert das nichts.
Warum? Nun, vielleicht, weil es ein sehr menschliches Bedürfnis befriedigt, in einer Gruppe und als Gruppe unterwegs zu sein. Und weil es bei diesen Events ganz automatisch passiert, dass man Teil der Gruppe wird. Man muss einfach nur dabei sein und sonst gar keine Kriterien erfüllen.
Es fühlt sich so an, als würde man mit einer Kinder-Gang unterwegs sein. Man traut sich Dinge, die man niemals alleine tun könnte (zum Beispiel am Gürtel Fahrrad fahren). Man bewegt sich gemeinsam, als Gruppe, durch die Stadt.
Und dann gibt es noch was: Man kommt durch so einen Bike Ride auch an Orte, die man noch nie gesehen hat und bekommt damit ein ganz anderes Gefühl für die Stadt.
Bei dem letzten Ride, an meinem Geburtstag, waren wir abends unterwegs – am Stadtrand, und sind dort durch Wohnviertel gefahren. Mit Musik aus Lautsprechern und nicht so wild wie früher bei meiner ersten Critical Mass. Die Leute haben uns gewinkt, uns gefilmt. Kids, die am E-Scooter unterwegs waren, sind ein Stück mit uns mitgefahren.
Irgendwann waren wir bei einer spiralförmigen Fahrradbrückenauffahrt und haben dort Halt gemacht. Electric Indigo – eine DJ-Legende aus Wien, die schon seit den 80er Jahren (!) Musik macht - hat aufgelegt und dabei ist die Sonne untergegangen.
Alle waren gut drauf. Sei es, weil sie vorher eine Stunde Sport gemacht haben (haha), sei es, weil wir uns uns als Gruppe gefühlt haben, sei es, weil es einfach ein schöner, lauer Sommerabend war.
Ob ein Bike Ride auch einen ähnlichen Effekt auf euch hat, müsst ihr selbst heraus finden. Ich hoffe, ich habe die Erwartungen nicht unerreichbar hoch gesteckt!
Liebe Grüße und bis bald,
Iris
--> Hier ist eine kurze Podcast-Episode zur Entstehung der Critical Mass (auf englisch)
--> Hier könnt ihr für Deutschland sehen, ob und wann es eine Critical Mass in eurer Stadt gibt.
--> Nach der Kidical Mass müsst ihr in eurer Stadt googeln. Hier ist die Seite für Wien.
--> Der Link zum Sound Ride in Wien
--> Und zum Schluss noch ein Mix von Electric Indigo, für den man sich allerdings bei Soundcloud registrieren aber nichts bezahlen muss, für einen spätsommerlichen Fahrradausflug.

