← The Kurious LetterDer Kurious LetterHallo, liebe Kurious-Menschen!
Willkommen zu einer neuen Freitagspost! Heute kommt diese von mir, Iris, zu einem Thema, das mich fühlen lässt, als wäre ich auf einer Achterbahn unterwegs, deshalb auch die Bebilderung :)
Dieser Newsletter – für alle, die neu hier sind – funktioniert so: Mein Kollege Andi und ich wechseln uns hier jeden Freitag ab, um euch mehr oder weniger tiefgründige Gedanken darüber in die Inbox zu schicken, wie wir wieder ein neugierigeres, abenteuerlicheres und – vielleicht auch – analogeres Leben leben können. Wir beide, also Andi und ich, sind nämlich die Herausgeber:innen des The Kurious Magazine, dem Magazin gegen die Langeweile im digitalen Dauerrauschen.

Bevor es hier aber inhaltlich weitergeht, gibt es News!!!
Den Newsletter gibt es von nun an auch zu hören! Wir lesen ihn vor und sprechen dann auch gleich über das Thema. Also ihr bekommt ein bisschen mehr Back-Info.
Testen ist ganz einfach: Sucht in eurer Podcast-App nach The Kurious Radio und drückt auf Play. Wir freuen uns, wenn wir euch beim Wäscheaufhängen und Spülmaschineausräumen begleiten dürfen :)
Zwei Letters gibt es schon zum Nachhören: über das Mit-einer-Horde-Menschen-am-Fahrrad-durch-die-Stadt-Fahren und über die große Frage: Wie viel Risiko braucht ein Leben?
Wenn es euch gefällt, dann sagt das doch bitte auch dem Algorithmus, indem ihr 5 Sterne dalässt. Danke!

Heute will ich über etwas schreiben, das vielleicht – auf den ersten Blick – so gar nicht zum Kurious und unserem Anliegen passt, uns stückchenweise vom Doomscrolling, vom digitalen Wahnsinn zu lösen. Aber mir ist diese Woche etwas wie Schuppen von den Augen gefallen, das gleichzeitig super banal und absolut weltbewegend ist: Die KI schleicht sich langsam, aber stetig in unseren privaten Alltag und in unsere Beziehungen ein. Und darüber nachzudenken, find ich total spannend. Also darüber, was das tatsächlich und in unserem Alltag tut.
In meinem, in eurem, in unserem.
Was tut das mit uns, wenn man von der eigenen Mum eine Geburtstagsnachricht bekommt, die auf einmal all das sagt, was man schon immer gerne hören wollte, aber die Vermutung sehr, sehr nahe liegt, dass das zumindest mit Hilfe von KI geschrieben worden ist? Was macht das mit Beziehungen, wenn wir uns die Bestätigung, die wir oft brauchen, nicht mehr ausschließlich von einem menschlichen Gegenüber holen, sondern von einem Chatbot? Was, wenn die Wut über einen Streit, die Überforderung, die ersten großen Gefühle im Chatbot landen?
Was macht das mit uns? Mit uns allen?

Ich hab natürlich keine Antworten, weil wir alle keine Antworten darauf haben. Wir sind mittendrin, in diesem schleichenden Experiment, und hantieren uns so irgendwie und scheinbar ganz nebenbei vorwärts, immer bis zu den Momenten, in denen etwas Außergewöhnliches vorfällt, an denen man sich fragt: Woah … Was war das gerade? In der Kommunikation mit der KI selbst, aber ich finde vor allem auch in dem, wie wir gerade neue soziale Verhaltensweisen testen. Wie und wann wir den Chatbot nach Hilfe fragen. Und wie sich das dann wiederum ins Leben zurückübersetzt.
Ich weiß noch, wie lange ich mich gegen ein Smartphone gewehrt habe. Wie unnötig ich diese neue Technologie empfunden habe. Aber irgendwann ist sie in mein Leben eingezogen und ich muss sagen, ich bin schon auch sehr froh darüber, dass ich keinen Stadtplan mehr befragen muss, um zu einer neuen Adresse zu kommen. Wie wird das dann mit KI sein?
Vieles deutet darauf hin, dass wir durch die KI nur noch ein bisschen weniger gut miteinander umgehen werden können. Dass wir noch mehr verlernen, wie man Friction, also kleine Störungen im smoothen Ablauf der Dinge, aushält oder damit umgeht. Dass wir noch weniger gut Konflikte lösen können, in denen wir unser Gegenüber ernst nehmen und versuchen, Perspektiven, die nicht unsere sind, zu verstehen. Dass wir immer noch mehr Bestätigung brauchen werden, dass wir noch egoistischer werden. Schließlich ist eine ganz grundwesentliche Eigenschaft aller Chatbots, dass sie uns sehr gerne schmeicheln, man könnte auch sagen, uns ständig in den Ars..ch.. kriechen. Dass der KI die, wie das so schön heißt, Sycophancy eingeschrieben ist. Dazu kommt, dass ein Chatbot immer und jederzeit verfügbar ist. Und dass die Entwickler:innen es darauf anlegen, die KI möglichst menschlich und sympathisch klingen zu lassen. Dass wir ihr also gerne vertrauen.
Das alles sollten wir nicht vergessen. Genauso wenig wie die Tatsache, dass wir hier mit oder mit Hilfe von profitorientierten Unternehmen kommunizieren. Dass die KI natürlich nicht neutral ist und dass, genauso wenig wie Social Media ein öffentlicher Platz ist, die KI nicht die Verkörperung alles Wissens dieser Welt ist.
Aber was tut das alles zur Sache, wenn die Mum plötzlich eine Nachricht schickt, die einen ins Herz trifft und die sie ohne KI niemals so hätte schreiben können? Was, wenn die KI dabei hilft, das Unverständnis in einem überforderten Ehestreit zu beseitigen, die erste Wut zu nehmen und das Gegenüber besser sehen und verstehen zu können? Was, wenn die KI einen besänftigt, wenn man von Angst geplagt wird? Einen bestärkt, wenn man zum Rauchen aufhören will? Was, wenn die Tatsache, dass sie immer da ist, versteht, alles erklärt und dabei ruhig bleibt, soziale menschliche Beziehungen entlastet und bestärkt? Beim Lernen hilft? Der leistbare Tutor ist? Psychische Probleme einordnet und einen zur richtigen Hilfe weiterleiten kann?

Versteht mich bitte nicht falsch, ich will kein Plädoyer für die KI halten. Ich glaube, die Welt insgesamt wäre besser ohne KI. Oder zumindest ohne die KI, so wie sie jetzt gebaut wird. Aber die Frage stellt sich gar nicht. Wir sind schon mittendrin und testen alle gerade mehr oder weniger dran rum. Das Thema kann mir absolut Angst einjagen. Aber gleichzeitig finde ich es auch wirklich spannend.
Ich hab unten mal ein paar Links zusammengetragen, die da weiterdenken, als ich das gerade kann, und freu mich über eure Inputs.
Denn für mich stellt sich auch die Frage, was euch daran interessiert. Worüber wollt ihr im Kurious in Bezug auf die KI lesen? Welche Fragen beschäftigen euch daran? Könnt ihr euch selbst oder andere in eurem Umfeld dabei beobachten, wie sich gerade Beziehungen durch die KI verändern?
Schreibt mir bitte! Ich bin sehr neugierig :)
Liebe Grüße! Und stay kurious,
Iris
--> Die Podcast-Serie, die mich überhaupt erst darauf gebracht hat, darüber zu schreiben, weil in diesem Podcast - neben wirklich schrecklichen Fällen, auch so ganz banale wie die oben beschriebenen vorkommen: Black Box: The Chatbots (von The Guardian)
Vor allem ab EP. 3 zu empfehlen!
--> In diesem Podcast kommt auch Sherry Turkle zu Wort, eine Psychologin, die in den 1980ern zum Verhältnis Mensch-Roboter geforscht hat. Das Buch dazu habe ich nicht gelesen, aber es klingt sehr aktuell:
In The Second Self, Sherry Turkle looks at the computer not as a "tool," but as part of our social and psychological lives; she looks beyond how we use computer games and spreadsheets to explore how the computer affects our awareness of ourselves, of one another, and of our relationship with the world. "Technology," she writes, "catalyzes changes not only in what we do but in how we think." First published in 1984, The Second Self is still essential reading as a primer in the psychology of computation.
--> Im Atlantic lese ich gerne und da gibts auch ein paar spannende Artikel. Man kann, soweit ich das verstehe, 5 Artikel pro Monat gratis lesen. Hier sind zwei, die ich empfehle:
A Chatbot-Free Childhood Will Be a Status Symbol
AI is like ultra-processed food for developing brains.
By Dana Suskind
-> Dana Suskind macht folgenden Vergleich zwischen Food (zwischenmenschliche Beziehungen) und Junk Food (soziale Interaktionen mit der KI) und versucht zu verstehen, wie sich das auf die Entwicklung unserer Hirne auswirken kann.
The Dead Silence of AI Therapy
What happens when our therapists are no longer able to feel?
By Steven Barrie-Anthony
-> Steven Barrie-Anthony, selbst Psychoanalytiker, schreibt über die vielsagenden Pausen, die in der Psychotherapie mit KI fehlen oder nicht gehört werden.
