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Der Kurious Letter
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21
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10/7/2026

Wie kann man gut alt werden? 👵

Eine fast 100-jährige Frau, Iris Apfel, Margot Pilz und Elke Heidenreich zeigen, wie viel frohsinnige Sturheit im Älterwerden stecken kann.

Hallo, liebe Kurious-Menschen!

Heute kommt die Freitagspost wieder von mir, Iris. Und ich will mit euch über eine Idee oder vielleicht besser ein Lebenskonzept sprechen, das ich mir gerne immer, immer wieder selbst vorhalte: stubborn delight. Etwas, das ich mit frohsinnige Sturheit übersetzen würde, auch wenn das nicht so 100% korrekt ist, aber es geht ja um die Idee.

Und am Schluss bekommt ihr auch einen wirklich guten Buchtipp :)

(Das am Foto soll übrigens ich sein, gealtert durch die Faceapp, die mal so populär war ...)

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Iris, gealtert mit der FaceApp

Wer neu ist im Newsletter, er funktioniert so: Mein Kollege Andi und ich wechseln uns hier wöchentlich ab, um euch vor dem Wochenende mal mehr, mal weniger tiefgründige Gedanken darüber ins Postfach zu schicken, wie man mehr Abenteuer und Neugier ins Leben bringt – plus Empfehlungen für Podcasts, Bücher und hin und wieder auch die eine oder andere Challenge.

Wie wird man 100 Jahre alt?

Alles beginnt mit einer Person, für die ich nicht so recht eine Bezeichnung habe. Man könnte sagen, meine Oma, aber ganz so nahe wie meine "richtige" Oma ist sie mir nicht und deshalb kommt mir das nicht so leicht von den Lippen. Um ganz genau zu sein, ist sie die Mutter des langjährigen Partners meiner Mutter.

Diese Person also, die irgendwie dann doch meine Oma ist, wird nächste Woche 100 Jahre alt. 100 Jahre!! Und das als lebendige, lebensfrohe und aktive Person. Sie lebt alleine in einem Einfamilienhaus in einer Kleinstadt, kocht sich selbst das Essen, liebt es, ihre Rosen zu pflegen, häkelt selbst entworfene Deckchen, geht manchmal gerne ein dunkles Bier trinken und schreibt Beschwerdebriefe an den Bürgermeister.

(Die Person auf dem Foto ist sie nicht, das ist Iris Apfel, die 103 Jahre alt wurde. Eine Modeikone, die ich auch deshalb mag, weil wir den gleichen Namen haben.)

Iris Apfel mit großer schwarzer Brille und auffälligem Schmuck

Soll der Herrgott mi doch holen ...

Nur ... jedes Mal, wenn ich in letzter Zeit mit meiner Mutter telefoniere, erzählt sie mir, wie schwierig gerade alles sei. Denn vor etwa zwei Monaten hatte die Oma einen Alterungsschub (das Altern geht in Schüben, habe ich dadurch gelernt). Bemerkt haben das alle, weil es einen Unfall gab. Beim Rosenschneiden ist sie hingefallen und erst mal im Garten liegen geblieben, bis ein Nachbar sie gefunden und die Rettung gerufen hat. Schlüsselbein gebrochen.

Sie ist am selben Tag wieder entlassen und nach Hause geschickt worden.

Seitdem versuchen alle, sie davon zu überzeugen, Hilfe anzunehmen. Sie waren im Heim um die Ecke, um sich das anzusehen, sie haben eine Case Managerin, wie das so schön heißt, vorgeschickt, damit die ihr etwas über die 24-Stunden-Pflege erzählen kann, sie haben versucht, ihr eine Pflegekraft zumindest in der Früh ins Haus zu schicken. Zu Letzterem hat sie schlussendlich Ja gesagt. Die kommt nun seit vier Wochen jeden Tag und hilft ihr beim Waschen.

Davor war sie alleine (und ohne Alarmknopf) in die Badewanne gestiegen. Ohne Haltegriff, denn den braucht sie auf gar keinen Fall.

Man kann darüber schmunzeln. Man kann sich, wenn man sich verantwortlich fühlt, darüber grün und blau ärgern. Man kann verzweifelt sein und sich Sorgen machen. Man kann berechtigterweise Studien zitieren, die sagen, dass Sich-rechtzeitig-Hilfe-Holen eher dazu führt, dass Menschen weniger oft stürzen, sich weniger schwer verletzen und deshalb länger beweglich bleiben. Man kann alles in Bewegung setzen, um diese (beinahe) 100-Jährige davon zu überzeugen, dass sie eben nicht mehr alles alleine machen soll.

Oder ... man kann einfach zulassen, dass diese fast 100-jährige Frau wahrscheinlich genau deshalb 100 Jahre alt werden wird, weil sie in ihrem Leben ein Konzept kultiviert hat, das ich stubborn delight nenne, nach dem Buch „Big Magic“ von Elizabeth Gilbert, von dem euch Andi schon im letzten Letter erzählt hat. Eine gepflegte Sturheit, die mit Frohsinn praktiziert wird.

Wenn sich diese Oma in den Kopf setzt, dass sie mit 99 ein Deckchen selbst entwirft und es nach ihrem eigenen Muster häkelt, dann tut sie das. Das dauert dann zwar sehr viel länger als früher, aber sie tut es. Jeden Tag. Wenn sie sich in den Kopf setzt, dass heute, genau heute, der richtige Tag ist, die Rosen zu schneiden, dann tut sie das einfach selbst. Denn wozu auf ihren Sohn warten, bis der wieder Zeit hat. Soll der Herrgott sie doch beim Rosenschneiden holen.

Dass die Sturheit sie nicht immer gut begleitet, mag sein. Es wäre bestimmt (bestimmt?) besser, hätte sie schon vor langer Zeit Haltegriffe im Badezimmer installiert bekommen oder würde sie eine Alarmuhr tragen, falls sie hinfällt.

Aber das Risiko, das sie eingeht, der Schaden, der durch ihre Sturheit entsteht, geht ganz alleine auf ihre eigene Kappe. Ihr Leben steht auf dem Spiel und das ist sie bereit zu riskieren. Mit frohsinniger Sturheit geht sie durchs Leben. Und schreibt dem Bürgermeister, wenn sie findet, dass stadtplanungstechnisch wieder mal alles völlig schief läuft.

Und das finde ich, gelinde gesagt, inspirierend.

Und einen guten Gegenpol zu all dem anderen Wahnsinn, der eine umgibt, wenn es um das Altwerden oder um das Älterwerden geht.

Die Künstlerin Margot Pilz im Alter von 89 Jahren

Vorbilder braucht die Welt

Früher habe ich alle belächelt, für die die vierzig (OMG 40) eine so magische Grenze war. Aber jetzt, wo ich selbst dazu gehöre und mein Umfeld auch, merke ich, was das tatsächlich tut. Denn ja klar, man merkt, dass Dinge anders werden. Der Körper verändert sich.

Aber gleichzeitig scheint sich auch das Denken der Leute zu verändern. Wie viel nun gejammert wird, wie viele kleine Wehwehchen ein Thema sind. Man versteht es nur, wenn man es selbst erlebt, und ich sage euch, es ist katastrophal. Kein Treffen mit Personen, die man länger nicht gesehen hat, vergeht, ohne dass man sich über irgendwelche altersbedingten Belastungserscheinungen unterhält.

Und es mag anderen Menschen helfen, ich weiß, jeder hat seine eigenen Coping-Mechanismen, aber für mich ist das Reden über all die kleinen Dinge, die sich ändern, wenn man älter wird, grauenvoll. Es macht mich unglücklich und alt. Und danke, nein, ich will nichts von deinem geringer werdenden Sexualtrieb hören.

Dabei ist es eigentlich sehr einfach zu verstehen, was man tun kann, um ganz gut zu altern: Nicht rauchen. Kraftsport. In Bewegung bleiben. Gut (genug) essen. Soziale Beziehungen pflegen.

Das sind zumindest die Dinge, die man selbst im Griff hat. Gene und Glück kommen dazu.

Und dann kommt – meiner Beobachtung nach – noch ein weiterer Punkt dazu, und das ist die Frage, wie sehr man sich damit selbst im Kreis dreht. Wie viel man übers Altwerden nachdenkt statt übers Leben. Über die Möglichkeit zu Stürzen statt übers Rosenschneiden.

Und deshalb liebe ich solche Vorbilder wie die fast 100-jährige Fast-Oma, die schon längst über alle seltsamen Zwischenfragen des Älterwerdens drüber sind und dabei seit Langem eine lebendige Sturheit kultiviert haben.

Genauso wie Iris Apfel (103, Stilikone) und Margot Pilz (89, Künstlerin), die ihr oben auf den Fotos seht.

Das Buch „Altern“ von Elke Heidenreich

Eine Buchempfehlung!

Ein Buch gibt es noch, das da sehr gut dazu passt und das ich auch verschlungen habe: Elke Heidenreich, Altern. Es ist ein kleines Buch und ich kann es nur jedem ans Herz legen. Darin schreibt die 80-jährige Autorin über das Altern, in dem sie von sich selbst schreibt und das mit philosophischen und literarischen Ideen verknüpft.

Und obwohl sie ein völlig anderes Leben als meine Oma lebt, würde ich auch Elke Heidenreich eine frohsinnige Sturheit unterstellen. Nur, dass sie das vielleicht ein klein wenig eloquenter ausdrückt, als meine Oma:

„Ich denke, wir leben in übervorsichtigen, vielleicht auch etwas hysterischen Zeiten. Die Welt ist in einem miserablen Zustand, … und wir pflegen unsere Allergien, Zipperlein, Ressentiments? Es ist so armselig, so überflüssig. Ich finde es schön, wenn ich all der Nachrichten, Zumutungen, Überflüssigkeiten und Nichtigkeiten des Tages müde bin, ab und zu eine zu rauchen, ein bisschen zu viel zu trinken und auch mal nicht angeschnallt zu fahren.

Das rundum Versicherte, Gesunde, woke, Brave geht mir schon auch sehr auf den Wecker. … Ich bin keine nette Alte. Ich bin ich, wie immer.“

In diesem Sinne: Schönes Wochenende!

:)

Und bis bald,

Iris

Lass uns zusammen Neugierig sein!