← The Kurious LetterDer Kurious LetterHallo, liebe Kurious-Menschen!
Heute kommt die Freitagspost wieder von mir, Iris. Und ich kann euch endlich – endlich! – von einer Serie erzählen, über die ich schon vor über einem Jahr ein super spannendes Interview mit der Regisseurin gehört habe. Das ist jetzt für euch weniger aufregend als für mich (weil ihr ja nicht ein Jahr darauf warten musstet sie zu sehen), aber der Inhalt ist dafür umso aktueller!
Denn es wurde gerade – ich weiß nicht, ob ihr das mitbekommen habt – ein Social-Media-Verbot in Frankreich beschlossen und darüber hinaus für die EU diskutiert. Wobei diskutiert ja so eine Sache ist in Zeiten von Social Media (woahaha 😂😭).
Aber die Serie – Social Studies heißt sie – hat da ein paar sehr, sehr gute Hinweise darauf, wie es den Kids (und in Wirklichkeit uns allen) mit Social Media geht, die nicht reißerisch und nicht oberflächlich sind.
Bereit?

Wer neu ist im Newsletter, er funktioniert so: Mein Kollege Andi und ich wechseln uns hier wöchentlich ab, um euch vor dem Wochenende mal mehr, mal weniger tiefgründige Gedanken darüber ins Postfach zu schicken, wie man mehr Abenteuer und Neugier ins Leben bringt – plus Empfehlungen für Podcasts, Bücher und hin und wieder auch die eine oder andere Challenge.
Es ist schon über ein Jahr her, dass ich in einem Podcast ein Gespräch über Social Media gehört habe, das mich bis heute nachhaltig beschäftigt. Die eingeladene Person war Lauren Greenfield. Sie ist Regisseurin einer Serie, die auf Hulu läuft, bei der sie über einen Zeitraum von einem Jahr einige Jugendliche in ihrem Leben begleitete und mit ihnen über Social Media sprach.
Der Clou der Doku war, dass sie auch Einblick in die Handys bekam.

Wenn wir also eine Person sprechen sehen und sie zwischendurch ihr Handy in die Hand nimmt, sehen wir auch, was sie sieht, also was die Person gerade auf ihrem Handy sieht.
Eine Protagonistin, zum Beispiel, steht im Fitnesscenter, öffnet ihr Handy und sieht ganz normalen Insta-Content, sprich: sie swipet in wenigen Sekunden von einem superdünnen Frauenkörper zum nächsten. Und wir schauen ihr zu.
Was mir von dem Interview mit Lauren Greenfield so hängen geblieben ist, ist etwas, das zur unsichtbaren Realität von uns allen geworden ist:
Wir befinden uns im gleichen Raum mit anderen Menschen. Aber wenn wir unsere Handys in die Hand nehmen, verschwinden wir in jeweils andere Welten.
Wir haben keine Ahnung, was die andere Person dort „erlebt“ oder gesehen hat. Und wir tun so, als wäre nichts passiert.
Aber wir waren gerade woanders, oder? Wie kann man davon ausgehen, dass nichts aus diesen anderen Welten an uns hängen bleibt?

Lauren Greenfield macht mit der Serie etwas, das eher selten passiert: Sie hört den Jugendlichen zu, und das richtig. Sie redet mit ihnen über Social Media, ja. Aber auch über ihr Leben, über ihre Sorgen und Ängste.
Eine Meinung, die man ja immer wieder hört, wenn es um das Social-Media-Verbot geht, ist folgende:
Wir müssen den Jugendlichen nur mehr Medienkompetenz beibringen. Das wäre sinnvoller als ein Verbot.
Der Krautreporter schreibt zum Beispiel so einen Artikel (hinter der Paywall) und zitiert darin die Gesellschaft für Medienpädagogik: „Junge Menschen müssen u.a. lernen, Informationen kritisch zu bewerten, Datenschutzaspekte zu verstehen und sich sicher und souverän in sozialen Netzwerken zu bewegen.“
Ja gut. Aber was, wenn wir Social Media nicht als Information wahrnehmen? Wenn es die Machart der Plattformen gar nicht erlaubt, "kompetent" sein zu können?
"It’s up to us to figure out how we can still be people."
In Social Studies erzählen die Teenager selbst. Gut, vielleicht ist hier alles ein bisschen ärger, weil wir schließlich in den USA und noch dazu kurz nach Covid sind, auf einer riesigen High School in L.A., auf der sich eher reichere Kids mit einigen weniger privilegierten Teenagern mischen.
Aber ich glaube nicht, dass es grundlegend anders ist.
Alle Protagonist:innen verwenden Social Media (TikTok, Snapchat und Instagram) aktiv, posten also auch selbst. Einige von ihnen machen das auch als Business: als DJ, als TikToker, eine betreibt einen Podcast zu Mental Health, andere machen Social-Awareness-Kampagnen. Das ist wohl der amerikanische Anteil. Aber ...

Aber: Alle von ihnen, die nicht weiße Jungs sind, haben Hass erlebt. Einige von ihnen regelrechte Hasskampagnen, weil sie z.B. Fremdgeküsst haben und die gesamte High School und alle drum herum sie im Netz als Bitch gebrandet haben. Alle haben übersexualisierte, pornografische Inhalte mit spätestens 12 Jahren gesehen. Alle kämpfen mit einer Vorstellung davon, dass Sex immer SM bedeutet und Frauen es gut finden müssen, sich schlagen oder würgen zu lassen.
Alle jungen Frauen haben ab 12 Jahren sexualisierte Nachrichten bekommen, oft auch Di-pics (ich will eure Spam-Filter nicht triggern). Alle jungen Frauen zeigen auf, auf die Frage, wer eine Essstörung hatte oder hat.
Und alle von ihnen sind medien-kompetent genug um zu wissen, dass Menschen auf Social Media Filter verwenden, ein verschöntes Leben herzeigen, viel Unwahres reden und sie dort nicht “die Wahrheit” sehen.
Eine Person erzählt, dass sie aufgehört hat, Dinge zu posten, die sie selbst gut findet (wie ihre eigenen Fotografieversuche), sondern nur noch Sachen postet, die Likes bringen (wie mehr oder weniger sexualisierte Fotos von sich selbst).
Eine andere Person erzählt, dass sie nach einem Selbstmordversuch Fotos aus dem Krankenhaus gepostet hat und dass die dann viral gegangen sind.
Wiederum eine andere Person - um hier auch eine positive Geschichte zu erzählen - hat auch über Social Media verstanden, dass sie trans ist, und dort eine Community gefunden.

Am Schluss fragt die Regisseurin im Gruppengespräch, bei dem die Kids ihre Handys immer abgeben:
„You share this experience but you don’t have that many opportunities to get outside of it and talk about it. How was this process like?“
Eine Jugendliche antwortet:
„I never had this depth of conversation with anybody in my life. And I wish I could translate it to real life. Because it is so unique to be in a room without phones and just talking.“
Eine andere:
„I thought nobody has any depth to them anymore but when I met you guys I thought dang people are still okay.“
Und dann jemand:
„Exactly. I am like ... I am not alone in this.“
„I wish this space existed on a regular basis.“
Wir wissen, dass uns Social Media kaputt macht, aber wir kommen nicht los davon. Ein anderer Jugendlicher sagt an einem anderen Punkt in der Serie: „It’s our life line but also a loaded gun.“
Und was machen wir jetzt damit?
Wer Social Studies anschauen will: Es ist kompliziert. Disney Plus verspricht, dass es im deutschsprachigen Raum zu streamen ist – ist es aber nicht, ich habe es getestet (in Österreich und in Deutschland). Wie es geklappt hat: sich über einen bezahlten VPN mit einem US-amerikanischen Server zu verbinden, auf Amazon Prime USA einen Gutschein zu kaufen und über den Gutschein die Serie für 10 $ zu kaufen.
Leichter ist es, sich den Podcast mit Lauren Greenfield anzuhören. Die Episode heißt Pope Trump, Zuckerberg’s AI Friends, and the Shocking Truth of How Teens Live Online vom Podcast Offline with Jon Favreau.
Und wer gerne was dazu sagen möchte, ich freue mich immer über Post! Zum Beispiel per E-Mail :)
Nächste Woche schreibt hier wieder Andi, der aus den Bergen zurück ist und dann wird's im August wahrscheinlich ein bisschen ruhiger. Aber wir schicken euch Postkarten, versprochen!
Iris