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Der Kurious Letter
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28/8/2026

Das Risiko, kein Risiko einzugehen ❤️‍🩹

Auf einem schmalen Steig, ein paar hundert Meter über dem Abgrund, drängt sich eine Frage auf: Wie viel Risiko braucht eigentlich (m)ein Leben?

Hallo, liebe Kurious-Menschen!

Heute kommt die Freitagspost wieder von mir, Andreas. Und zuerst einmal: Wie du vielleicht gemerkt hast, ist der Newsletter die letzten zwei Wochen ausgefallen. Das war eine ziemlich spontane Entscheidung. Wir waren auf Urlaub und haben die kurze Pause gebraucht.

Dafür geht es heute genau um ein Thema, das mich im Urlaub sehr oft begleitet hat. Wer uns hier regelmäßig liest, merkt ja, dass wir uns unaufhaltsam zu Bergwander-Influencern entwickeln. Iris hat erst im letzten Letter ihre eigene Tipp-Liste für Berg-Newbies zusammengestellt. Und auch die Idee zu dieser Ausgabe ist wieder in den Bergen entstanden. Also genauer gesagt in meinem Kopf, während ich einen schmalen Steig entlanggegangen bin und es knapp neben mir mehrere hundert Meter in die Tiefe ging. Genau dort hat sich mir eine Frage aufgedrängt: Ist das nicht total dumm? Ist das nicht viel zu gefährlich?

Oder etwas größer gedacht: Wie viel Risiko braucht eigentlich (m)ein Leben?

Andreas beim Bungee Jumping

Wer neu ist im Newsletter, er funktioniert so: Meine Kollegin und Mitherausgeberin Iris und ich wechseln uns hier wöchentlich ab, um euch vor dem Wochenende mal mehr, mal weniger tiefgründige Gedanken darüber ins Postfach zu schicken, wie man mehr Neugierde ins Leben bringt – plus Empfehlungen für Podcasts, Bücher, kleine Abenteuer und hin und wieder auch die eine oder andere Challenge. Feedback und Anmerkungen gerne direkt an andreas@thekuriousmag.com!

Ich bin kein Adrenalinjunkie

Wer mich ein bisschen kennt, könnte mir durchaus eine gewisse Risikoaffinität unterstellen. Ich habe ein Motorrad. Gehe gerne schwere Bergtouren. Ich war letztes Jahr mit meiner Nichte Bungee-Jumpen (ganz dumme Idee!) und ich habe mit Anfang 40 ein Printmagazin gegründet, das mich möglicherweise in die Altersarmut befördert. Also von außen betrachtet irgendwie risikoaffin.

Von innen betrachtet stimmt das nicht. Woher ich das weiß? Weil mir alle diese Dinge Angst machen. Ich mache sie nicht wegen des Risikos. Ich mache sie wegen der Freiheiten und Erfahrungen, die es mir trotz des Risikos ermöglicht. Das Risiko ist dabei also nicht das Ziel. Es ist der Preis. Der Preis für die Stille und Schönheit, die man in den Bergen erfahren kann, oder die Freiheiten, die eine selbstständige Tätigkeit mit sich bringt, oder das Gefühl, im Sommer mit dem Motorrad in die Nacht zu fahren. Hört sich alles extrem schnulzig an, ich weiß. Aber es macht mich glücklich.

Eigentlich könnte der Newsletter hier zu Ende sein

Also der Punkt ist: Ich nehme gewisse Gefahren in Kauf, um im Gegenzug eine subjektiv höhere Lebensqualität zu haben. Beim Nachdenken über dieses Thema bin ich dann aber ziemlich schnell auf eine wichtige Sache gestoßen: eben das Subjektive. Risikobereitschaft ist etwas total Persönliches. Was mir Angst macht, ist für dich vielleicht das Normalste der Welt. Und umgekehrt.

Deswegen wär es dumm, dir hier erklären zu wollen, du sollst mehr Risiko eingehen. Das steht mir nicht zu. Vielleicht solltest du das. Vielleicht solltest du genau das Gegenteil tun. Keine Ahnung. Deswegen könnte dieser Newsletter damit also schon wieder zu Ende sein.

Nur hat mich genau diese Erkenntnis dann erst recht in ein Rabbit Hole geschickt. Denn wenn Risiko so subjektiv unterschiedlich wahrgenommen wird – gibt es trotzdem irgendeine Möglichkeit, es objektiv zu betrachten? Und vielleicht irgendwelche Tipps zu geben, die nicht aus meinem Bauchgefühl entstehen?

Tatsächlich: Es gibt beides. Für das körperliche Risiko gibt es eine eigene Maßeinheit. Und für die großen Lebensentscheidungen gibt es ein ziemlich schräges Experiment.

Motorrad in Sizilien

Ein Marathon ist so gefährlich wie 100 Kilometer Motorrad

Fangen wir mit der Maßeinheit an. Sie heißt Micromort und stammt von einem Stanford-Professor namens Ronald A. Howard, der den Begriff 1980 vorgeschlagen hat. Ein Micromort ist eine Wahrscheinlichkeit von eins zu einer Million, bei etwas zu sterben. Das klingt erst abstrakt, macht dann aber schnell Sinn: Man kann die Gefährlichkeit von völlig unterschiedlichen Dingen miteinander vergleichen!

Nach den Daten, die der britische Statistiker David Spiegelhalter zusammengetragen hat (hier könnt ihr euch einen unterhaltsamen Talk zum Thema Risiko anhören!), entsprechen ungefähr einem Micromort:

  • 60 Kilometer zu Fuß gehen
  • 70 Kilometer Radfahren
  • 14 Kilometer Motorradfahren
  • 600 Kilometer Autofahren

Ein Tauchgang liegt bei etwa 5 Micromorts. Ein Marathon bei ungefähr 7 bis 8. Ein Fallschirmsprung bei rund 8. Die Wahrscheinlichkeit, bei einer Besteigung des Mount Everest zu sterben, liegt bei ungefähr 10.000 Micromorts. Das entspricht, umgerechnet, ungefähr sechs Millionen Kilometern mit dem Auto.

Wobei eines der gefährlichsten Dinge, die praktisch jeder Mensch in seinem Leben macht, möglicherweise überhaupt das erste Lebensjahr ist. In Deutschland sterben ungefähr drei von 1.000 Kindern im ersten Lebensjahr. Das sind, ganz stumpf umgerechnet, rund 3.000 Micromorts. Also ungefähr so viel wie 375 Mal mit einem Fallschirm aus dem Flugzeug zu springen. Wir können uns also schon mal gratulieren, das überlebt zu haben.

Neben den Micromorts gibt es auch noch die Microlives. Die funktionieren ein bisschen anders. Eine Microlife entspricht ungefähr 30 Minuten gewonnener oder verlorener Lebenserwartung. Zwei Zigaretten am Tag kosten ungefähr eine Microlife. Zwei Stunden Fernsehen am Tag ebenfalls. 20 Minuten moderate Bewegung bringen dagegen ungefähr zwei Microlives, also statistisch eine Stunde. Täglich Obst und Gemüse zu essen sogar ungefähr vier.

Ich find das ziemlich faszinierend. Ich lese gerade ein Buch dazu, wenn ich fertig bin, werde ich es hier verlosen!

Bild aus dem Newsletter

Eine richtige Entscheidung lässt sich schwer berechnen

Was ihr jetzt mit dieser Information anfangt, weiß ich nicht genau. Klar ist für mich, dass sich Lebensentscheidungen nicht mit Micromorts und Microlives berechnen lassen, denn wie viel Risiko ich in Kauf nehmen will, ist eben sehr subjektiv. Für große Lebensentscheidungen gibt es aber tatsächlich ein ziemlich schräges Experiment, an das ich mich erinnert habe und das uns zumindest eine gewisse Entscheidungshilfe geben kann. Und dieses Experiment hat tatsächlich seinen Ausgangspunkt in einer Podcast-Episode mit dem Titel: „The Upside of Quitting.“

Wir hören wahrscheinlich zu selten auf

Die Folge stammt von Freakonomics Radio, einem meiner absoluten Lieblingspodcasts. Und darin ging es um die Frage, warum wir Menschen eigentlich so schlecht darin sind, Dinge aufzugeben. Jobs. Projekte. Beziehungen. Host Stephen Dubner stellte dabei ziemlich freihändig die These auf, dass viele von uns wahrscheinlich glücklicher wären, wenn wir das Risiko eingehen würden, zum Beispiel öfter den Job zu kündigen. Belege hatte er dafür eigentlich keine.

Sein Kollege Steven Levitt, Ökonom an der University of Chicago, wollte diese Intuition, an die er persönlich nicht glaubte, dann aber testen. Und daraus entstand ein ziemlich großes Experiment. Levitt und sein Team bauten eine Website für Menschen, die vor einer Lebensentscheidung standen und einfach nicht weiterkamen. Soll ich kündigen? Soll ich mich trennen? Soll ich umziehen? Soll ich etwas völlig Neues anfangen? Die Teilnehmer beantworteten zuerst jede Menge Fragen, wobei ihnen schlussendlich tatsächlich eine Entscheidungshilfe gegeben wurde: eine virtuelle Münze.

Kopf: Verändere etwas. Zahl: Bleib beim Status quo.

Rund 22.511 Münzwürfe landeten später tatsächlich in der wissenschaftlichen Auswertung. Bei der Nachbefragung knapp sechs Monate später gaben rund 56 Prozent an, das getan zu haben, was die Münze ihnen gesagt hatte. Das Schräge war, der Münzwurf veränderte die Wahrscheinlichkeit einer tatsächlichen Veränderung um ungefähr elf Prozentpunkte. Es gab also tatsächlich – statistisch gesehen – viele Menschen, die dem Münzwurf gefolgt waren. Und dabei zeigte sich: Bei den großen Lebensentscheidungen waren jene Menschen, die durch den Zufall in Richtung Veränderung geschubst worden waren, im Schnitt glücklicher als jene, denen die Münze den Status quo empfohlen hatte.

Das Risiko, kein Risiko einzugehen

Levitt selbst erklärt dieses höhere Glücksempfinden damit, dass Menschen, die bereit waren, einer Website und einem Zufallsgenerator die Entscheidung darüber zu überlassen, ob sie sich scheiden lassen sollen, eigentlich sowieso schon lange die Scheidung hätten einreichen sollen.

Die Studie zeigt also wahrscheinlich nicht, dass mehr Risiko im Leben grundsätzlich sinnvoller ist, sondern dass eine als riskanter empfundene Entscheidung langfristig glücklicher macht, wenn man mit der aktuellen Situation ohnehin unglücklich ist.

Das finde ich einen spannenden Gedanken, der eigentlich auch vieles in meinem Leben auf den Punkt bringt. Denn die meisten Entscheidungen zugunsten des Risikos habe ich getroffen, weil ich davor eben unglücklich war. Und ich darf wirklich behaupten: Ich bin ein sehr viel glücklicherer Mensch als noch vor 10 Jahren. Und wenn ich mir anschaue, woher ein großer Teil dieser Lebensqualität kommt, dann waren erstaunlich viele dieser Dinge Entscheidungen, vor denen ich vorher Angst hatte. Mich selbstständig zu machen. Dinge anzufangen, von denen ich keine Ahnung hatte. Mich WIRKLICH auf eine Beziehung einzulassen. Mit Anfang 40 ein Magazin zu gründen. Und eben auch auf einen Berg zu gehen, obwohl es neben mir ein paar hundert Meter nach unten geht.

Schönes Wochenende – stay kurious!

Liebe Grüße

Andreas

Lass uns zusammen neugierig sein!