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Der Kurious Letter
·
Nº
31
·
2/10/2026

Das Sich-Verlieren üben – Teil II

Wenn wir niemanden mehr um Hilfe fragen, ändert das unseren Blick auf die Welt?

Hallo, liebe Kurious-Menschen!

Iris steht lächelnd vor einem großen Tempel in Tokio, um sie herum viele Besucher:innen
Iris in einem Tempel in Tokio, mit einem Handy mit japanischer eSIM-Karte in der Tasche, damit sie nicht verloren geht.

Heute kommt die Freitagspost von mir, Iris. Aber mit einem Thema, das Andi schon letzte Woche aufgeworfen hat: dem Sich-Verlieren-Üben. Denn lustigerweise habe ich zur exakt gleichen Zeit darüber nachgedacht. Habt ihr die Challenge von letzter Woche ausprobiert, die Andi gestellt hat? Einmal ohne Smartphone rauszugehen und sich ein bisschen ohne Ziel in der Gegend eurer Wahl zu verlieren? Nein? Macht nichts, vielleicht ist es etwas für diese Woche. Ich nehme es mir auf jeden Fall vor. Denn ich glaube, mit dem Sich-Verlieren-Üben üben wir auch Vertrauen-Haben. Vertrauen in uns selbst und in die Welt. Und von beidem, glaube ich, kann man einiges gebrauchen …

Für alle, die neu im Newsletter sind: Er funktioniert so: Mein Kollege und Mitherausgeber Andreas und ich wechseln uns hier wöchentlich ab, um euch vor dem Wochenende mal mehr, mal weniger tiefgründige Gedanken darüber ins Postfach zu schicken, wie man mehr Neugierde ins Leben bringt – plus Empfehlungen für Podcasts, Bücher, kleine Abenteuer und hin und wieder auch die eine oder andere Challenge. Feedback und Anmerkungen gerne direkt an iris@thekuriousmag.com!

Rotes Tempeltor in Tokio, davor eine dichte Menschenmenge
Andi im gleichen Tempel in Tokio.

Ein Punkt wandert auf der Landkarte

Ich hab da so eine Theorie, die mir letztens bewusst wurde, als ich verstanden habe, dass – für mich überraschend viele – Menschen ihren Handy-Standort dauerhaft mit Personen teilen, die ihnen nahestehen. Ein Freund zum Beispiel hat seinen Standort für seine Eltern und seine Partnerin freigegeben. Diese drei Personen können jederzeit, wenn sie das wollen, auf ihrem eigenen Handy nachsehen, wo er sich in diesem Moment aufhält. Ob sie das tun, weiß ich ehrlich gesagt nicht, ich werd ihn nochmal fragen, wie genau sie das nutzen. Eine andere Person teilt ihren Standort mit ihren besten Freundinnen, die nicht in der gleichen Stadt wohnen usw. Ich spreche hier nicht von Jugendlichen, sondern von Menschen, die über 30 Jahre alt sind. Liebe Letter-Leser:innen, macht ihr das auch?

Also versteht mich bitte nicht falsch. Ich will da wirklich niemandem zu nahe treten und das beurteilen. Wenn das so klingt, dann liegt das daran, dass das eine Sache ist, die für mich persönlich völlig absurd klingt. In meinem Leben habe ich mich eher um das Gegenteil bemüht: Ich wollte lange kein Handy haben (also ich spreche da von einem Nokia 3210), damit meine Mutter mich eben gerade nicht jederzeit orten kann, indem sie anruft. Ausgemacht war, ich bin um 23.00 Uhr zu Hause, dann war ich um 23.00 Uhr zu Hause. Dazwischen wollte ich frei sein. Und das hieß auch, dass sie nicht immer wusste, wo ich war. Egal ob als Teenager oder als Kind. Und das ist heute tatsächlich (fast) unvorstellbar.

Sich-sicher-Fühlen

Aber zurück zu den Erwachsenen im Heute. Was mir zu erklären versucht wurde, ist, dass man den Standort teilt, damit man sich 1. mehr verbunden und 2. sicherer fühlt. Den ersten Teil kann ich – okokokay – dann doch nachvollziehen. Das ist, vor allem wenn man nicht in der gleichen Stadt ist, wahrscheinlich ziemlich lustig, tagsüber einfach so mal nachzuschauen, wo die andere Person so herumgeistert. Aber der zweite Teil, der hat mich zum Nachdenken gebracht. Denn was bedeutet das eigentlich: Das Sich-sicherer-Fühlen? Sicherer, weil man so nicht verloren geht oder sicherer, damit einem nichts passiert?

Bildschirm eines Münzfernrohrs hoch über Tokio, darauf ein unscharfes Häusermeer
Wo sind wir da?

Denn wenn man so drüber nachdenkt, dann hilft uns rein faktisch die Tatsache, dass wir den Standort einer geliebten Person kennen, nur sehr bedingt und in sehr, sehr, sehr, sehr, sehr seltenen Ausnahmefällen etwas. Da müsste eine Person schon wirklich vermisst sein und sich selbst nicht mehr melden können, damit man jemanden orten muss. Und wenn ich gerade bedroht werde, hilft es mir nichts, dass meine Partnerin theoretisch jetzt gerade aufs Handy schaut und sieht: Ah, die Iris ist gerade in der Nikolsdorfer Gasse. Unter welchen Umständen ich da bin, sieht sie ja nicht. Und wenn ich verloren gehe, na dann habe ich die Ortungsfunktion ja für mich selbst und kann selbst nachschauen, wie und wo ich bin, um da wieder rauszukommen.

Was wir vom True Crime (nicht!) lernen dürfen

Wir fühlen uns sicherer, weil unsere Liebsten wissen, wo wir sind. Und umgekehrt, weil wir nicht mehr auf die Hilfe von Menschen angewiesen sind, die wir nicht kennen. Ich muss nicht nach dem Weg fragen, ich frag Google Maps. Ich muss nicht nach einem guten Café fragen, ich schau mir die Bewertungen auf Google an. Ich muss nicht nach einer Taxinummer fragen, ich bestell mir selbst ein Uber. Ich muss an der Kassa mit niemandem mehr sprechen. Auch nicht, wenn ich mir ein Ticket kaufe. Ich muss niemanden fragen, ob die Person bitte ein Foto von uns machen kann. Ich muss einfach wirklich, wirklich selten mit Menschen sprechen, die ich nicht kenne. Ich muss sie nicht mal mehr anschauen.

Stattdessen schreibe ich der Person, zu der ich gerade unterwegs bin: Ich komm 5 Minuten später. Bin gleich da. Nur noch 2 Stationen. Wenn das jemand nicht tut, beginnen sofort die Alarmglocken zu schrillen. Was ist passiert?

Wir sind hyperverbunden mit den einen und extrem distanziert allen anderen gegenüber.

Und ich glaube, dass das unser allgemeines Gefühl von Unsicherheit extrem schürt. Weil wir nicht mehr mit anderen sprechen müssen und es auch nicht tun, wächst die Skepsis. Bei uns allen. Wir sind mittendrin, kollektiv immer schlechter darin zu werden, Unsicherheit auszuhalten. Und darauf zu vertrauen, dass wir das schon hinbekommen werden, egal was. Dass uns geholfen wird, wenn wir nach Hilfe fragen. Dass wir nicht ermordet und zerstückelt (danke True Crime) irgendwo gefunden werden. Denn rein faktisch finden die meisten gewaltvollen Übergriffe nicht an den Orten statt, an denen wir uns fürchten (in den dunklen Unterführungen), sondern unter vielen Menschen, am Oktoberfest oder leider auch im ganz engen Umfeld.

Die Unsicherheit ist also so ein subjektives Gefühl, dem nicht ganz zu trauen ist. Und deshalb, glaube ich, ist es so wichtig, dass man das Vertrauen-Haben manchmal ganz bewusst trainiert. Und das geht sehr gut, indem man mal wieder – einfach so – verloren geht. In einer Gegend ist, die man nicht kennt. Einen ganz kleinen, überschaubaren (und wie wir wissen, unberechtigten) Grusel zu spüren, weil man einfach gerade die absolute Planbarkeit aufgegeben hat.

Ich hab noch einen Podcast gefunden, in dem Rebecca Solnit, die Autorin von A Field Guide to Getting Lost, vorkommt und wo es unter anderem um ein anderes Thema geht, das sie beschäftigt hat: um die Hoffnung, um Hope. Und da reiß ich jetzt einfach mal ein Zitat aus dem Kontext, weil ich es so schön finde:

We have to let go of the certainty people seem to love more than hope and know that we don’t know what’s going to happen.

Aus dem Podcast On Being, einem Interviewpodcast der Journalistin Krista Tippett. Sehr ruhig und mit einer guten Würzung Spiritualität im philosophischen Sinn geht es da um die Fragen des Menschseins. Rebecca Solnit kommt 2016 vor, in der Folge: Falling Together.

Holzwegweiser im grünen Wald mit der Aufschrift Route (Iris Garden / Kiyomasa’s Well)
Ein Wegweiser im Iris-Garten.

Ja, und damit wünsch ich euch viel Spaß beim Verloren-Gehen!

Und ich hoffe, wir sehen uns nächste Woche wieder.

Liebe Grüße und bis bald,

Iris

Lass uns zusammen neugierig sein!