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Der Kurious Letter
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Nº
34
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23/10/2026

Der Hund frisst die Couch

Ein Buch, das genau im richtigen Moment in mein Leben gefunden hat.

Hallo, liebe Kurious-Menschen!

Andreas mit Kappe und Sonnenbrille vor einem Bauzaun mit Plakaten, in den Händen eine bemalte Holzfigur einer betenden Madonna
Ich habe ein Flohmarkt-Problem.

Letzte Woche hat Iris nach der richtigen Einstiegsdroge fürs Lesen gesucht. Dafür hat sie Menschen (und auch mir) die Frage gestellt: Welches Buch hast du sehr gerne gelesen, aber es ist dir peinlich, darüber zu sprechen? Und ich habe ihr ein Buch genannt, bei dem ich tatsächlich genau dieses Gefühl habe: Big Magic von Elizabeth Gilbert. Der deutsche Untertitel lautet: Nimm dein Leben in die Hand und es wird dir gelingen. Sorry, aber viel cheesier geht es eigentlich nicht mehr. Noch cheesier ist, dass der Untertitel tatsächlich nicht zu viel versprochen hat.

Heute kommt die Freitagspost wieder von mir, Andreas. Und weil Iris mich in ihrem letzten Letter eben schon zu diesem Geständnis gebracht hat, hab ich mir gedacht, ich erzähl euch gleich die ganze Geschichte zu diesem Buch. Denn hinter meiner Scham für diese Lektüre steckt eine Frage, die vielleicht auch dich interessiert: Wie können wir unsere Kreativität aus der Angst befreien?

Für alle, die neu im Newsletter sind: Er funktioniert so: Meine Kollegin und Mitherausgeberin Iris und ich wechseln uns hier wöchentlich ab, um euch vor dem Wochenende mal mehr, mal weniger tiefgründige Gedanken darüber ins Postfach zu schicken, wie man mehr Neugierde ins Leben bringt – plus Empfehlungen für Podcasts, Bücher, kleine Abenteuer und hin und wieder auch die eine oder andere Challenge. Feedback und Anmerkungen gerne direkt an andreas@thekuriousmag.com!

Zwischen 25 und 32

Um hier mal wieder zu oversharen: Ungefähr zwischen meinem 25. und meinem 32. Lebensjahr ist es mir sehr, sehr schlecht gegangen. Ich war komplett von meinen Ängsten gelähmt. Angefangen hat es mit einer einzelnen, plötzlichen Panikattacke. Daraus entwickelte sich dann eine Spirale aus Angst, Geheimnistuerei und Hilflosigkeit. Ich hab ja schon einmal davon geschrieben, wie sich mein Leben mit 30 falsch und zu spät angefühlt hat. Das war genau in der Zeit, in der ich wieder Schritt für Schritt zurück ins Leben fand. Dementsprechend war ich damals auch für jede Form von Self-Help-Buch offen, und genau da ist mir eben Big Magic in den Schoß gefallen. Ich weiß ehrlich gesagt nicht einmal mehr, wie. Nur dass sich das Ganze, als ich zu lesen angefangen habe, fast wie eine Offenbarung anfühlte. Es war genau das richtige Buch zum richtigen Zeitpunkt.

Eine Hand hält ein Taschenbuch von „Big Magic“ von Elizabeth Gilbert, auf dem Cover ein Porträt der Autorin
Der most cheesy Untertitel der Welt.

Du hast Angst, dass …

Denn was die Angstjahre in mir bewirkt hatten, war, dass ich jegliches Selbstvertrauen verloren hatte. Ich wurde von einem Unmöglichkeitsgefühl beherrscht. Alles war unmöglich. Jede Form von aufkeimender Kreativität in mir wurde sofort mit einer unfassbaren Breite an negativen Gedanken erfolgreich abgeschossen. Gedanken, die ich dann plötzlich schwarz auf weiß schon auf den ersten Seiten dieses Self-Help-Buchs lesen konnte:

„Du hast Angst, dass es für deine Kreativität keinen Markt gibt und es deshalb keinen Sinn hat, sie auszuleben. Du hast Angst, dass jemand anders es schon besser gemacht hat. Du hast Angst, dass alle es schon besser gemacht haben. […] Du hast Angst, dass deine Träume peinlich sind. […] Du hast Angst, dass du zu dick bist. (Ich habe keine Ahnung, was genau das mit Kreativität zu tun hat, aber aus Erfahrung weiß ich, dass die meisten von uns Angst haben, zu dick zu sein, also lass es uns einfach auf die Liste setzen, nur zur Sicherheit.) […] Du hast Angst, dass du zu alt bist, um anzufangen. Du hast Angst, dass du zu jung bist, um anzufangen. […] Du hast Angst davor, ein One-Hit-Wonder zu sein. Du hast Angst davor, kein One-Hit-Wonder zu sein …“

— Elizabeth Gilbert: Big Magic. Nimm dein Leben in die Hand und es wird dir gelingen, Fischer Taschenbuch, S. 24–26, gekürzt. Übersetzung: Britt Somann-Jung.

Der ganze Absatz hat damals einen Nerv in mir getroffen. Denn vieles davon, inklusive des Gefühls, zu fett zu sein, war eine 1:1-Abschrift meines inneren Monologs. Geschrieben von einer Middle-aged Woman irgendwo in den USA. Also, wieder cheesy: Aber genau da habe ich dann zum ersten Mal so richtig verstanden, dass meine Ängste nicht wirklich etwas Besonderes sind. Menschen jeden Alters und jeder Herkunft kennen diese Ängste. Sogar diejenigen, die trotzdem ihre Kreativität ausleben.

Das Ego und die Kreativität

Andreas mit schwarzer Kappe am Laptop in einem Atelier, im Vordergrund eine Katzen-Handpuppe
Ich und meine Kreativität.

Wie die das schaffen, dafür hat Gilbert auch eine Antwort, die sich ziemlich spirituell und Kuckuck anhört, die ich aber gerne beim Smalltalk weitererzähle: Wir müssen Kreativität vom Ego trennen. Für Gilbert ist Kreativität etwas, das von außen kommt. Etwas, das dir eigentlich gar nicht gehört, sondern dich besucht. Und du hast dann die Wahl: Entweder du nimmst sie ernst und sagst: „Okay, wir arbeiten jetzt miteinander.“ Oder du lässt sie wieder ziehen. Dann sucht sie sich eben jemand anderen.

Diese Idee ist übrigens nicht von ihr allein, wie sie auch in ihrem TED-Talk von 2009 erzählt. Denn im antiken Rom gab es schon die Vorstellung des genius: eines Schutzgeistes, der bei der Arbeit hilft. Wenn das Werk misslang, war man also nicht allein schuld. Und wenn es gelang, dann konnte man auch nicht den ganzen Ruhm für sein Ego einfordern. Mit der Renaissance hat sich dann der genius zum Genie gewandelt. Plötzlich schreiben wir alles dem Menschen selbst zu. Ein Zeitgeist, der, so ihre (und auch meine) These, nicht wirklich gut für unsere geistige Gesundheit ist.

Also, ich weiß, das Ganze klingt esoterisch. Aber für mich ist das bis heute ein wichtiger Gedanke. Denn fast alles auf Gilberts Liste sind reine Ego-Ängste. Und wenn die Idee gar nicht mir gehört, muss ich mich auch nicht vor ihr beweisen. Dann darf ich es einfach versuchen.

Der Hund frisst die Couch

Ein grau-weiß gefleckter Hund mit Schlappohren und schwarzem Geschirr schaut freundlich in die Kamera
Gib mir eine Aufgabe. Sonst …

Und dann gibt es noch eine andere Stelle, die mein Umfeld schon sehr oft zu hören bekommen hat: Selbst wenn wir glauben, nicht kreativ zu sein, sind wir es trotzdem die ganze Zeit. Denn einen kreativen Geist zu haben, ist so, wie einen Border Collie als Haustier zu haben (sagt Gilbert). Er braucht eine Aufgabe. Gibst du ihm keine, sucht er sich eben selbst eine. Und dann frisst er die Couch.

Das heißt, wenn wir unsere Kreativität aus Angst unterdrücken, dann verschwindet sie nicht. Sie sucht sich einfach ein anderes Betätigungsfeld. Und dieses Betätigungsfeld heißt Selbstzerstörung. Wenn ich heute auf meine Angstjahre zurückschaue, dann ist genau das passiert. Diese Spirale war nämlich selbst extrem kreativ. Ich habe in diesen Jahren so viele Szenarien in meinem Kopf erfunden, so viele Dinge durchgespielt, mich so viel mit mir selbst beschäftigt, dass das schon für sich ein Kunstwerk war. Nur fällt einem das eben nicht auf, weil man zu sehr mit sich selbst beschäftigt ist, um mit dem Hund zu spielen.

Mit dem Hund Spielen üben

Ein junger schwarzer Hund mit türkisem Geschirr steht an der Leine vor einem Gitterzaun
Bereit zum Spielen.

Also, wie befreit man die Kreativität aus der Angst? Meine persönliche Antwort darauf ist: mit einem spielerischen Bezug zu sich selbst. Sein eigenes Leben als Spiel zu verstehen, seine eigene Kreativität als Spiel zu verstehen. Dinge auszuprobieren, einfach weil es lustig ist, sie auszuprobieren. Im Englischen gibt es dafür das schöne Wort Playfulness.

Ein kleiner weiß-brauner Hund mit langem Fell steht an der Leine auf einem Waldboden
Kleine Portion, großer Mut.

Inzwischen bin ich überzeugt, dass es eines der wichtigsten Dinge im Leben ist, sich diese Playfulness nicht nur zu bewahren, sondern sie wirklich zu üben. Sich immer wieder daran zu erinnern:

Es ist alles nur ein Spiel.

Eine kleine Kurious-Challenge: Gib dem Hund eine Aufgabe.

Such dir dieses Wochenende eine Sache aus, die du schon immer machen wolltest. Etwas schreiben, etwas zeichnen, etwas bauen, etwas singen. Aber bitte nur im ganz Kleinen. Eine Portion, die man auch wirklich machen kann. Kein Roman, sondern eine halbe Seite. Sonst wird es wieder viel zu groß. Probier es einfach aus und tu es. Was am Ende dabei herauskommt, ist völlig egal.

Hauptsache, die Couch bleibt ganz.

Schönes Wochenende – stay kurious!

Liebe Grüße und bis bald,

Andreas

Lass uns zusammen neugierig sein!