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Der Kurious Letter
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Nº
35
·
30/10/2026

Du bist nicht deine Gedanken

Hallo, liebe Kurious-Menschen!

Als wir begonnen haben, das Kurious Magazine zu machen, sind wir über eine Aussage gestolpert, die uns bis heute begleitet: in order to fix your digital life you have to fix your analogue life first. Statt die Handysucht mit digitalen Mitteln, neuen Apps oder mehr oder weniger teuren Gadgets zu bekämpfen, lasst uns doch mal schauen, wie wir unser analoges Leben wieder ein bisschen aktiver gestalten können.

Iris, als Hexe verkleidet, bei Halloween
Ich, letztes Halloween, als Hexe (oder so …)
Foto: privat

Und mit genau diesem Gedanken im Kopf haben wir über die letzten Wochen einen Kalender gebastelt: 52 Kurious Challenges, also jede Woche eine, wenn man bei Woche 1 im Jahr 2027 starten will. Und genau darum soll es heute auch im Newsletter gehen, denn noch ist der Kalender nicht in Druck, und das heißt, ihr könnt euch noch einmischen. Wer eine Challenge vorschlagen will, jetzt ist der Zeitpunkt dafür. Zwei Seiten sind noch leer und wir hoffen auf eure Ideen.

Worum es heute in der Freitagspost geht? Was mir das Aufhören mit dem Rauchen über mein Handy beigebracht hat. Und um einige dieser 52 Challenges, von denen zwei noch euch gehören.

Bevor es losgeht noch ein Danke an Sabine und Andrea für jeweils einen Buchtipp als Einstiegsdroge. Auf unsere Liste wandern zwei Bücher mehr: Matrix von Lauren Groff und Gespräche mit Freunden von Sally Rooney.

Übrigens kommt der Newsletter heute wieder von mir, Iris.

Und wer sich noch nicht auskennt, der Newsletter funktioniert so: Mein Kollege Andi und ich wechseln uns hier wöchentlich ab, um euch vor dem Wochenende mal mehr, mal weniger tiefgründige Gedanken darüber ins Postfach zu schicken, wie man mehr Abenteuer und Neugier ins Leben bringt – plus Empfehlungen für Podcasts, Bücher und hin und wieder auch die eine oder andere Challenge.

Logisch ist was anderes …

Ich hab jahrelang, nein, jahrzehntelang geraucht. Das hab ich gleichzeitig gehasst (ich hab mich nie als Raucherin verstanden) und teilweise verheimlicht (weil ich mich dafür auch geschämt habe) und trotzdem jeden Tag getan. Gleich nach dem Aufstehen, morgens zum Kaffee, zwei, drei Zigaretten. Beim Warten auf die Straßenbahn. In den Pausen beim Arbeiten. Wenn ich etwas abgeschlossen habe, als Belohnung. Wenn ich wo nicht weiterkam, zum Nachdenken. Wenn ich mich geärgert habe, um runterzukommen. Das Rauchen war für mich weniger eine soziale Sache, sondern eine, die sich tief in mich eingeschrieben hat: Ohne Rauchen – so dachte ich lange – kann ich nicht denken, kann ich nicht kreativ sein, kann ich nicht ich sein. Die seltsame Ironie, dass das Rauchen so stark zu meiner Identität gehörte und ich mich gleichzeitig nie als Raucherin verstanden habe, geht an mir nicht vorbei. Aber Argumentationslinien, die sich aus einer Sucht heraus ergeben, sind selten logisch.

Dementsprechend schwer war es auch, damit aufzuhören. Aber ich hab es geschafft, vor mittlerweile fast zwei Jahren. Und schlussendlich war es auch sehr, sehr einfach.

Zeichnung „Nacht“ von Karl Wiener: zwei Totenköpfe vor dunklem Nachthimmel
Zwei Totenköpfe in der Nacht (einer lebendig …?)
„Nacht“, Karl Wiener, um 1921. Wien Museum, CC0.

Was man aus der einen Sucht über die andere lernen kann …

Wenn man eine Sucht durchbricht, beginnt man gewisse Dinge anders zu verstehen. Bei mir war es so, dass ich plötzlich ganz klar sehen konnte, welche seltsamen Dinge das Hirn so fabriziert. Welche kreativen Wege es findet, um alles daran zu setzen, dass man der Sucht wieder nachgeht: von Vorschlägen über eindringliche Bitten bis zu wüsten Beschimpfungen musste ich allerhand Emotionen akzeptieren lernen, die da so hochploppten.

Was ich damit aber zu verstehen begann: Man kann wirklich sehr eindringliche Gefühle haben, muss ihnen aber nicht nachgehen. Wobei – wie ich finde – es da eine ganz wichtige Unterscheidung gibt: Nicht nachgehen, indem man sich mit Willenskraft dagegen stemmt, das hat bei mir nie funktioniert. Wenn ich beginne mit mir selbst zu streiten (zum Beispiel darüber ob oder ob ich nicht rauchen sollte), dann kann ich nur verlieren. Wenn ich vernünftige Argumente habe, kann ich mir sicher sein, dass ich das Gegenteil tue (schließlich wollte ich mich noch nie Regeln von außen einfach so unterordnen).

Was mir hingegen wahnsinnig geholfen hat, ist diesen buddhistischen Ausspruch ernst zu nehmen: Du bist nicht deine Gedanken. Das habe ich lange Zeit gar nicht verstanden, aber jetzt habe ich ein ganz praktisches Beispiel dafür. Mein Gehirn kann von mir alles Mögliche verlangen – im Extremfall auch anderen gewalttätige Dinge anzutun oder anders gesagt, jemanden eine in die Fresse zu hauen – ich tu es aber nicht. Und mit dem Verlangen nach dem Rauchen ist das genau das gleiche. Das Hirn darf einfach rumwüten. Ich muss es nicht persönlich nehmen. Dann hört es nämlich auch einfach auf oder wird ein bisschen lächerlich.

Und dann gab es noch etwas, das mir beim Aufhören geholfen hat: Klarheit. Ich werde nie wieder rauchen. Nicht wenn ich betrunken bin, nicht wenn es ein schöner lauer Sommerabend ist, nicht wenn ich Streit hatte, nicht wenn ich traurig bin oder in einer emotionalen Krise stecke. Rauchen ist nie die Lösung. Das ist auch etwas, das ich mir beibringen musste. Und ich sag es mir immer noch, wenn es notwendig ist. Weil es auch stimmt und eindeutig ist. Es gibt kein Argument, das fürs Rauchen spricht.

Kolorierter Holzschnitt „Totenkopf“ von Emil Orlik: ein Schädel mit einem Dolch im Auge
Dolch im Aug (blöd gelaufen …?)
„Totenkopf“, Emil Orlik, um 1900, Holzschnitt, koloriert. Albertina, Wien. Public Domain.

Wovon wir reden, wenn wir von offline reden

Mit dem Handy wird es da sehr schnell, sehr viel uneindeutiger. Ich muss hier nicht alle Pro- und Kontraargumente aufzählen, ich glaube, wir verstehen das Dilemma alle. Es ist nicht wirklich eine Option, nie wieder ein Smartphone in die Hand zu nehmen. Und es ist auch nicht eindeutig alles furchtbar, am Handy.

Aber ich merke ganz eindeutige Ähnlichkeiten zum Rauchen: Ich habe einen Reflex entwickelt zum Handy zu greifen, in Situationen, die früher einen Impuls zum Rauchen ausgelöst hätten: bei Langeweile, bei Überforderung, wenn etwas zu Ende geht, wenn ich nicht anfangen will … die Liste ist lang.

Und wo ich die Ähnlichkeit zur Sucht am stärksten merke, ist, bei der Unsicherheit, die entsteht, wenn man gerade nicht weiß, wo das Handy ist. Oder, wenn man länger nicht mehr aufs Handy geschaut hat. In Gruppen macht sich das immer bemerkbar. Da sitzt man eine Stunde rum, plaudert und hat Spaß und dann, nach einer gewissen Zeit, findet immer irgendjemand einen Grund, das Handy zu zücken: Ah, ich schau das kurz mal nach! Ah, ich zeig euch das! Ah, das hab ich letztens auf Insta gesehen, moment … Und auch das kommt mir wahnsinnig bekannt vor. Die Argumente sind beim Rauchen ein wenig anders, aber die Art und Weise, wie wir – oder besser gesagt unser Hirn – Gründe (er-)findet, um das Handy rausholen zu „dürfen“, ist sehr, sehr ähnlich.

Und dann gibt es dennoch ganz klare Unterschiede: Wenn ich einen halben Tag nicht geraucht hatte, ging es mir eher schlecht (Entzugserscheinungen). Wenn ich einen halben Tag ohne Handy unterwegs bin, dann geht es mir richtig gut.

Allerdings, das muss ich dazu sagen, bin ich nur dann ohne Handy unterwegs, wenn ich etwas Schönes erlebe, wenn ich mich bewusst dazu entschieden habe, etwas ohne Handy zu machen, kein Foto davon zu haben und es auch im Nachhinein Menschen nur erzählen, aber nicht zeigen zu können.

Historische Fotografie einer Sargauflage in Form eines Totenkopfs
Ein Sargbeschlag, der sagt, was drinnen ist (oder sein sollte …?)
„Positiv: Sargauflage ‚Totenkopf‘, Österreich“, Johann Grillnberger, vor 1896, Albuminabzug. Volkskundemuseum Wien. Public Domain.

Das Ding am Handy sind ja mehrere Dinge gleichzeitig: Die Sucht des Screens, das schnelle Dopamin, der Brainrot, der beim Doomscrollen entsteht, aber auch … dass sich mit Social Media das Bedürfnis in uns eingeschrieben hat, Dinge für ein Foto, für einen Post, für die Bestätigung von außen zu tun. Und das heißt wohl, dass wir, wenn wir davon reden, wie wir unserer Handysucht etwas entgegensetzen können, gleich mehrere Dinge gleichzeitig tun sollten. Eines heißt für mich immer: Perspektive öffnen. Den Blick von Ins-Handy-Rein raus in die Welt zu richten. Und das geht am besten, wenn man sich selbst etwas vornimmt, was einen ein ganz klein wenig raus aus dem Alltagstrott holt.

52 Wochen

Meine These: Es braucht nur ein kleines bisschen Mut, ein bisschen gewollte Unsicherheit oder Ungewissheit, und schon erlebt man ein kleines Abenteuer, kümmert sich um sein analoges Leben und setzt dem digitalen Brainrot etwas entgegen.

Und genau deshalb machen wir die 52 Wochen Kurious Challenges.

Die hören sich so an:

Geh bei Vollmond nachts wandern. Ohne Stirnlampe.

Okay, das ist schon eine der größten – aber wie ich finde, auch schönsten – Challenges.

Etwas praktikabler ist diese hier:

Nimm diese Woche jeden Tag einen wirklich anderen Weg zur Arbeit.

Oder das könnte sehr einfach oder auch sehr herausfordernd sein:

Läute bei deinen Nachbarn und frag, ob sie ein Ei übrig haben. Du bäckst gerade einen Kuchen.

Auch etwas Großes ist das hier:

Mach dir mit jemandem ein Treffen aus, bei dem ihr beide das Handy zu Hause lasst.

Oder so:

Schreib einen Brief.

Oder noch ganz anders. Es gibt – wie gesagt – zwei freie Seiten im Kalender, die wir zu jeder beliebigen Jahreszeit einfügen können. Diese zwei Seiten würden wir gerne an euch übergeben. Schreibt mir direkt hier: iris@thekuriousmag.com

Die Prämisse

Man muss es einfach und ohne (viel) Equipment umsetzen können.

Es darf keine großen Vorbereitungen benötigen.

Es muss nicht analog / offline im strengen Sinn des Wortes sein. Man darf zum Beispiel Dinge am Handy recherchieren, um es umsetzen zu können. Aber …

Es muss unsere Neugierde wecken und die Augen auf andere Dinge lenken, als auf den Screen.

Ihr müsst nur schnell antworten. Denn Mitte November gehen wir in den Druck.

Challenge für diese Woche: Denk dir eine Kurious-Challenge aus und schick sie uns.

Damit wünsch ich euch ein schönes Wochenende.

Stay Kurious!

Liebe Grüße und bis bald,

Iris

Lass uns zusammen neugierig sein!