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Der Kurious Letter
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11/9/2026

Rawdogging im Museum

Was ein Tag in Pompeji mit Museumsbesuchen zu tun hat – und eine Challenge gegen das Abhaken.

Hallo, liebe Kurious-Menschen!

Andreas als Tourist in einer Gasse in Neapel, neben einem Pappaufsteller
Praktizierender Tourist in Neapel.

Heute kommt die Freitagspost wieder von mir, Andreas. Während Iris letzte Woche darüber geschrieben hat, dass sie gerne eine Gang gründen würde, war ich praktizierender Tourist in Neapel. Dabei bin ich auch durch die Ausgrabungsstätte von Pompeji gewandert und über das Thema für diesen Newsletter gestolpert – inklusive Buchempfehlung und einer kleinen Challenge für euch.

Heute geht es ums Rawdogging im Museum. (Das Ganze macht am Schluss dann Sinn, versprochen!)

Weinstöcke in der Ausgrabungsstätte von Pompeji, im Hintergrund der Vesuv
Pompeji, im Hintergrund der Vesuv.

Pompeji stand auf der Liste, also bin ich hingefahren

Ich bin ja eigentlich ein ziemlicher Trottel. Also, das meine ich nicht, um mich kleinzumachen oder weil ich glaube, dass ich sonderlich dumm bin, sondern weil ich einfach viele Dinge nicht weiß, die für andere oft selbstverständlich sind. Ich erkläre mir das teilweise mit meinem Schulabbruch nach dem 9. Pflichtschuljahr.

Ich kannte zwar den Namen Pompeji und wusste auch, dass diese römische Kleinstadt nach einem Vulkanausbruch verschüttet wurde, aber ich wusste nicht, dass sie nur eine Zugstunde von Neapel entfernt liegt. Und auch nicht, dass große Teile davon ab dem 18. Jahrhundert wieder ausgegraben wurden und deswegen heute begehbar sind. Bäckereien, antike Imbissbuden, Bordelle, Wahlwerbung an Hauswänden, Graffiti, Kinderzimmer, Einzimmerwohnungen, kleine Paläste, Götterstatuen … alles wurde durch Asche und Gestein über fast zwei Jahrtausende konserviert.

Jetzt irren jährlich rund vier Millionen Menschen durch die holprigen, steinernen Straßen dieser Geisterstadt. So auch ich und meine Partnerin, der ich es überhaupt zu verdanken hatte, dort hingekommen zu sein. Denn sie hatte Pompeji auf unsere Liste der Sehenswürdigkeiten gesetzt.

Ein Tourist, der keiner sein will

Gerade weil ich so wenig darüber wusste, war ich von der ganzen Sache ziemlich überwältigt. Der Ort löst ein merkwürdiges Gefühl aus. Man läuft über dieselben Steine wie Menschen vor 2.000 Jahren. Sie haben hier gegessen, dort gearbeitet, gebadet, gestritten, Sex gehabt, Geschäfte gemacht, Kinder großgezogen und sind da aufs Klo gegangen. Ja, und viele von ihnen sind auch innerhalb weniger Minuten durch eine Wolke aus heißer Asche und Gasen verschüttet worden.

Wandmalerei in Pompeji: gemalter Garten mit Vögeln, daneben eine Venus-Szene
Ein gemalter Garten, fast zweitausend Jahre alt.

Ihre Körper verwesten und hinterließen Hohlräume in der verhärteten Ascheschicht. Ab dem 19. Jahrhundert wurden diese Hohlräume mit Gips ausgegossen. Die so entstandenen Körperabgüsse, also die Überreste dieser Menschen, sind dort ausgestellt.

Wir wanderten also durch einen Ort, der sich stellenweise wie eine Zeitmaschine und dann wieder wie ein Friedhof anfühlte. Dabei fühlt man sich von den vielen Tourist:innen gestört, um im nächsten Moment wieder zu verstehen, dass man ja selbst einer ist.

Rot bemalter Wohnraum in Pompeji mit kleinen gemalten Bildtafeln
Rote Wand, kleines Bild, weiter.

Und wir haben getan, was man als Tourist eben so tut: Dinge abhaken. Das Kolosseum: gesehen. Die Therme: Check. Die Taverne: done. Das Theater: Roger. Die Statue des Apollo: bestaunt.

Also war zwischen all meinem Staunen auch viel Gehen und die Frage: Wie viele Orte muss ich noch anschauen, wie viele Fotos muss ich noch schießen, wie viele Erfahrungen muss ich noch sammeln, um am Schluss sagen zu können: Ich habe Pompeji gesehen.

17 Sekunden

Buchcover: The Buried City – Unearthing the Real Pompeii von Gabriel Zuchtriegel
Gekauft im Giftshop von Pompeji.

Und wie das Leben so spielt, habe ich im Pompeji-Giftshop dann ein Buch über die Ausgrabungsstätte gekauft (volle Kaufempfehlung!): The Buried City: Unearthing the Real Pompeii, geschrieben vom Direktor von Pompeji, Gabriel Zuchtriegel. Das Buch gibt es auch auf Deutsch unter dem Titel Vom Zauber des Untergangs. Was Pompeji über uns erzählt.

Und er beschreibt schon auf den ersten Seiten ziemlich genau dieses Gefühlschaos, durch das ich bei meinem ersten Besuch dort gewandert bin: irgendwo zwischen „spiritual pilgrimage“ und „collector syndrome“.

Denn oft bewegen wir uns durch Museen – und Pompeji ist im Grunde ein riesiges Freilichtmuseum –, um eine Sehenswürdigkeit nach der anderen abzuhaken. Um am Ende das ganze Museum abzuhaken. Was fehlt mir noch? Wo muss ich noch hin? Was muss ich noch gesehen haben?

Und anstatt wirklich hinzusehen, blicken wir durch unser Smartphone auf die Welt, machen ein Foto und hasten weiter. Die beiden Forscher:innen Jeffrey und Lisa Smith haben im Metropolitan Museum of Art in New York einmal nachgemessen, wie lange Besucher:innen vor einzelnen Meisterwerken stehen bleiben: Es sind 17 Sekunden.

Kunst und Kultur werden gesammelt, statt erlebt.

Zuchtriegel schreibt, dass es auch eine andere Art gibt, einen solchen Ort zu erfahren: nämlich sich nicht als Sammler:in, sondern als „spiritual pilgrim“, als spirituelle:r Pilger:in, zu verstehen. Also sich schon im Vorfeld klarzumachen, einen solchen Ort nicht zu besuchen, um eine Liste abzuarbeiten, also zu sammeln, sondern um Inspiration zu suchen, aufzutanken und vielleicht etwas über sich selbst zu erfahren – eine spirituelle Pilgerreise zu machen.

Ich vermute, dass ziemlich viele Menschen, die freiwillig den Kurious Letter lesen, genau aus diesem Grund in Museen gehen. Ich zumindest tue es. Das ganze Magazin, das wir machen, ist genau auf diesem Gedanken aufgebaut: Etwas mit kindlicher Neugier zu entdecken. Etwas zu finden, das etwas mit mir macht.

Nur persönlich vergesse ich das meistens, sobald ich dann tatsächlich ein Museum betrete.

Challenge: Rawdogging im Museum

Deswegen hab ich mir überlegt: Ich geb euch und mir eine kleine Challenge für den nächsten Museumsbesuch! Wir gehen in den Spiritual-Pilgrimage-Mode. Besser gesagt: Wir rawdoggen das Museum.

1. Holt euch eine Jahreskarte.

Wenn es in eurer Stadt eine Jahreskarte oder einen Museumspass gibt: Holt euch einen. In Frankfurt gibt es zum Beispiel für 89 Euro die MuseumsuferCard für 39 Museen, in Berlin Jahreskarten für die Staatlichen Museen und auch in Wien und Zürich gibt es ähnliche Angebote.

Das ist für diese Challenge ziemlich wichtig. Denn wenn ich gerade 20 Euro Eintritt bezahlt habe, will ich natürlich möglichst viel Museum für mein Geld bekommen. Mit einer Jahreskarte fällt dieser Druck weg. Ich kann für eine halbe Stunde hineingehen, ein einziges Bild anschauen und wieder gehen.

2. Geht als „spiritual pilgrim“ hinein.

Kein Plan, keine Liste mit Highlights. Geht einfach durch das Museum und lasst euch ein bisschen treiben. Schaut, wo ihr hängen bleibt.

3. Sucht euch ein einziges Werk aus.

Egal, ob es berühmt ist. Egal, ob ihr etwas darüber wisst. Es muss euch nur aus irgendeinem Grund interessieren.

4. Und dann: rawdoggt es.

Handy weg. Kein Foto. Kein Audioguide. Keine Beschreibung. Setzt euch davor und schaut. Nicht 17 Sekunden. Zehn Minuten. Zwanzig Minuten. Vielleicht länger.

Detail einer pompejanischen Wandmalerei: ein gemalter Kopf mit Locken in einer weißen Raute
Ein Werk. Zehn Minuten. Mehr braucht es nicht.

Ihr müsst nichts verstehen. Ihr müsst nichts lernen. Ihr müsst am Ende nicht einmal sagen können, warum euch das Werk gefällt. Gebt ihm einfach die Chance, etwas mit euch zu machen.

Bonus: Wenn ihr irgendwann den Drang bekommt, das Werk zu zeichnen: Macht das. Ja, streng genommen habt ihr dann schon wieder eine Aufgabe. Aber wir wollen hier auch keine neue Religion gründen. (Wobei eigentlich schon.)

Schickt uns eure Zeichnungen an hallo@thekuriousmag.com. Wir sammeln sie und veröffentlichen eine Auswahl im nächsten The Kurious Magazine.

Liebe Grüße und bis bald,

Andreas

Lass uns zusammen neugierig sein!