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Der Kurious Letter
·
Nº
32
·
9/10/2026

Zufall

Eine Autofahrt durch die Budapester Nacht und die Frage: Wie bin ich hier eigentlich gelandet?

Hallo, liebe Kurious-Menschen!

Andreas sitzt lächelnd auf einer Holztreppe, daneben Luftballons und gerahmte Bilder an der Wand
Wie bin ich hier gelandet? Foto: © Pali Bolza

Letzte Woche bin ich mit meinem Auto durch die Budapester Nacht gefahren. Am Beifahrersitz meine Partnerin, am Rücksitz ihre Eltern. Die drei haben sich während der Fahrt lebendig auf Ungarisch unterhalten. Und als sich der Innenraum des Autos mit dieser schönen (und schweren) Sprache füllte und ich mein kleines Auto durch die ungarische Hauptstadt lenkte, überkam mich ein seltsames Staunen über mein eigenes Leben: Wie bin ich hier eigentlich gelandet? Alles fühlte sich wie ein großer, glücklicher und mysteriöser Zufall an. Denn meine ungarische Familie stand so in keinem Lebensplan.

Heute kommt die Freitagspost wieder von mir, Andreas. Sie schließt ein bisschen an zwei meiner Letter an: an den über das Staunen über das eigene Leben und an den übers Sichverlieren-Üben. Heute geht es um die Frage: Wie bin ich hier gelandet? Und darum, warum es sich für mich so seltsam anfühlt, den Zufall als grundlegende Kraft meines Lebens anzuerkennen.

Für alle, die neu im Newsletter sind: Er funktioniert so: Meine Kollegin und Mitherausgeberin Iris und ich wechseln uns hier wöchentlich ab, um euch vor dem Wochenende mal mehr, mal weniger tiefgründige Gedanken darüber ins Postfach zu schicken, wie man mehr Neugierde ins Leben bringt – plus Empfehlungen für Podcasts, Bücher, kleine Abenteuer und hin und wieder auch die eine oder andere Challenge. Feedback und Anmerkungen gerne direkt an andreas@thekuriousmag.com!

Wie bin ich hier gelandet?

Ich weiß nicht, wie es bei dir ist, aber mir stellt sich diese Frage in zwei ganz unterschiedlichen Versionen. Einmal in Momenten, in denen ich das Gefühl habe, die Kontrolle über mein Leben verloren zu haben. Bei einem Unglück oder einfach an einem unglücklichen Montagmorgen. Und dann gibt es Momente, in denen ich mit einem dankbaren Staunen auf all die Zufälle blicke, die mich in diese Situation gebracht haben. Wobei der unglückliche Montagmorgen leider noch immer überwiegt.

Im Alltag selbst denke ich aber sehr wenig über den Zufall nach. Und das, obwohl sich vieles, das ich als selbstbestimmt empfinde, in Zufall auflöst, wenn ich nur ein bisschen darüber nachdenke. Zufällige Begegnungen, Beziehungen und Missverständnisse prägten und prägen mein Leben. Einmal habe ich sogar versehentlich meinen Job gekündigt. Durch ein Missverständnis mit meinem Vorgesetzten, das ich dann aus Stolz nicht aufklärte. Ein Freund hat mir damals dann angeboten, zu ihm in eine Wohnung nach Wien zu ziehen. So bin ich vor 20 Jahren in dieser Stadt gelandet. Auch meine Partnerin ist nur nach Wien gezogen, weil sie sich auf einen Job beworben und ihn auch bekommen hat, ohne zu wissen, dass die Stelle für Wien (und nicht für Budapest) ausgeschrieben war. Nur deswegen konnten wir uns kennenlernen. Alle anderen Zufälle, die dazu beigetragen haben, mal komplett außer Acht gelassen. Zwei Ketten von Ereignissen, die jede für sich ihre Gründe haben, kreuzten sich, ohne dass irgendjemand das jemals geplant hätte. Das passiert andauernd. Überall. Manche dieser Begegnungen streifen uns nur, andere lassen uns Jahre später durch eine Nacht in Budapest cruisen.

Blick von oben in ein Wohnzimmer: Eine Familie sitzt beisammen, Kinder spielen am Boden
Meine zufällige ungarische Familie. Foto: © Pali Bolza

In Wirklichkeit ist unser Leben die Summe unserer Zufälle. Trotzdem behandle ich den Zufall wie einen Nachgedanken. Denn ich möchte mich an der Idee einer selbstbestimmten, berechenbaren Welt festhalten.

Gott würfelt nicht

Und mit diesem Festhalten bin ich in guter Gesellschaft. Ich habe vor einiger Zeit „Chaos“ von James Gleick gelesen. In mehrmaligen Versuchen. Denn in der Mitte bin ich bei der Mathematik jedes Mal komplett ausgestiegen. Es war aber trotzdem sehr unterhaltsam. Das Buch erzählt, wie sich auch die Wissenschaft lange an die Idee einer berechenbaren Welt geklammert hat. Und wie schwer ihr das Loslassen gefallen ist.

Eine Hand hält das Buch „Chaos“ von James Gleick, im Hintergrund eine schwarze Katze
James Gleick: Chaos. In mehreren Anläufen gelesen.

Am Anfang steht der französische Mathematiker Pierre-Simon Laplace. Zu seiner Zeit, um 1800, schien Isaac Newtons Physik alles erklären zu können. Alles folgte nun festen Gesetzen. Und Laplace hat diesen Zeitgeist 1814 bis zum logischen Ende weitergedacht: Er stellte sich ein Wesen vor, das in einem einzigen Moment den Ort und die Bewegung jedes Teilchens im Universum kennt, und dazu alle Kräfte, die auf sie wirken. Wenn dieses Wesen außerdem klug genug wäre, alles durchzurechnen, dann wäre für es nichts ungewiss. Es könnte die gesamte Zukunft vorhersagen und die gesamte Vergangenheit rekonstruieren. Später bekam dieses Wesen den Namen „Laplace’scher Dämon“. In diesem Gedankenexperiment gibt es keinen Zufall mehr, sondern nur Dinge, die wir noch nicht wissen. Und genau das war der Glaube dieser Zeit, der unsere Gesellschaft (und auch sehr viele AI-Gurus) bis heute prägt. Doch im 20. Jahrhundert wurde dieser Glaube schon vollkommen widerlegt: zuerst durch die Quantenphysik, die zeigt, dass im ganz Kleinen der Zufall tatsächlich unvermeidbar ist. Und später durch die Chaostheorie, die mit dem berühmten Schmetterling, dessen Flügelschlag einen Tornado auslösen kann, komplett mit der Idee des Laplace’schen Dämons aufgeräumt hat. Das Spannende ist, wie sehr sich selbst die klügsten Köpfe gegen diese Abkehr vom Laplace’schen Dämon gewehrt haben. Albert Einstein, der die Quantenphysik selbst mitbegründet hatte, wollte bis zu seinem Tod nicht akzeptieren, dass die Natur im Innersten vom Zufall bestimmt sein soll. 1926 schrieb er an seinen Kollegen Max Born sinngemäß: Gott würfelt nicht.

Festhalten ist einfacher als Loslassen

Dieses Festhalten an dem Anschein von Kontrolle scheint zutiefst menschlich zu sein. Und das kann man sogar messen. Die Psycholog:innen Jennifer Whitson und Adam Galinsky haben dazu 2008 sechs Experimente in der Fachzeitschrift Science veröffentlicht. Bei einem Teil ihrer Versuchspersonen erzeugten sie gezielt das Gefühl, keine Kontrolle zu haben: etwa mit einer Aufgabe, deren Rückmeldungen reiner Zufall waren, oder indem sie sie dazu animierten, sich an eine Situation zu erinnern, in der sie machtlos gewesen waren. Das Ergebnis: Wer sich ohnmächtig fühlte, glaubte deutlich öfter, Figuren in abstrakten Bildern oder Zusammenhänge in zufälligen Börsendaten erkennen zu können. Auch vermuteten sie mehr Verschwörungen in den ihnen vorgelegten Nachrichten als die Kontrollgruppe.

Je weniger Kontrolle wir haben, desto mehr Ordnung erfinden wir.

Wenn man darüber nachdenkt, hat dieser Effekt sogar eine politische Dimension: Gerade in unsicheren Zeiten haben Verschwörungserzählungen und Esoterik Konjunktur. Sie versprechen Ordnung und Halt und geben Menschen das Gefühl, etwas verstanden zu haben.

Man muss aber keine Verschwörungstheoretiker:in sein

Ich kann diesen Effekt auch an mir beobachten. Wenn ich mich ohnmächtig fühle, sehne ich mich nach mehr Selbstbestimmung, nach mehr Kontrolle im Leben. Und versteht mich nicht falsch: Natürlich hat man im Leben auch Entscheidungsmöglichkeiten, die man aktiv nutzen muss. Den Job zu wechseln, wenn man unglücklich ist, zum Beispiel. Aber es gibt eben auch sehr viele Bereiche, die komplett außerhalb unseres Handlungsspielraums liegen und dieses Gefühl der Ohnmacht erzeugen können. Die Antwort darauf sollte eine andere sein als Paranoia und Kontrollwahn: nämlich anzuerkennen, dass vieles nicht in unserer Hand liegt. Denn erst wenn ich aufhöre, mein Leben als lückenlose Kette meiner Entscheidungen zu erzählen, wird Platz für das, was ich auf der Fahrt durch die Budapester Nacht gespürt habe: das Staunen.

Simone de Beauvoir, über die ich schon einmal geschrieben habe, hat dieses Gefühl genau so beschrieben:

„Manchmal wache ich mit einem Gefühl kindlichen Staunens auf: Warum bin ich ich? Was mich verblüfft, ist die Tatsache, dass ich mich hier befinde, in diesem Augenblick, mitten in diesem Leben und in keinem anderen. Welcher Zufall hat das bewirkt?“

— Simone de Beauvoir: All Said and Done, 1974. Deutsch: eigene Übersetzung.

Und ich glaube, dass man diese Form des Staunens auch üben kann und sollte. Dass wir öfter innehalten und uns mit kindlicher Freude fragen sollten, wie es eigentlich sein kann, dass wir gerade jetzt genau hier sind. Denn dieses Staunen ist das Gegenteil von Angst. Ein Loslassen von einer Welt, die man nicht festhalten kann.

Eine kleine Kurious-Challenge: Staune über dein Leben.

Nimm dir dieses Wochenende fünf Minuten Zeit und staune einfach nur über dein eigenes Leben. Denk darüber nach, welche Zufälle dich in genau diese Situation, in genau dieses Leben gebracht haben. Welche Aneinanderreihung von Unwahrscheinlichkeiten dazu geführt hat, dass jetzt genau du hier sitzt und darüber nachdenken kannst. Und was für ein Privileg es ist, das tun zu können.

Szép hétvégét – stay kurious!

Liebe Grüße und bis bald,

Andreas

Lass uns zusammen neugierig sein!