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Der Schwerpunkt
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12 Min.
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008–011

Echte Freund:innen, die Loneliness Economy und neue Freunde über 30

Wie findet man neue Freunde, wenn man über 30 ist? Wie viele Freund:innen sollte man haben, um ein gesundes Sozialleben zu führen? Wie wichtig sind Freundschaften? Oder: Was mache ich, wenn Freundschaften enden?
Von der Redaktion
Menschen an einem Zaun bei der Arenabesetzung in Wien.
Menschen bei der Arenabesetzung in Wien. Die Arena ist immer noch ein alternativer Konzert- und Kulturort, der die Stadt Wien prägt.
Arena-Fotos: Heinz Riedler, Wien Museum · Historische Aufnahmen: Theresa Babb, Public Domain Image Archive · Schnappschüsse: Privatarchiv

Wir machen das Kurious Magazine, weil wir Dingen, die uns beschäftigen, ehrlich begegnen wollen. Gegen das Doomscrollen, so ein Untertitel des Magazins. Oder stattdessen: Raus ins Abenteuer! Und deswegen ist es wahrscheinlich wenig verwunderlich, dass bei den Überlegungen, worum genau es in dieser ersten Ausgabe gehen soll, ein Thema aufgekommen ist, das uns wohl alle immer wieder und in unterschiedlichsten Ausprägungen bewegt: Freundschaften.

Menschen liegen auf Decken unter einem Baum bei der Arenabesetzung
Wer auf diesen Fotos zu sehen ist, wissen wir leider nicht.

Antworten darauf zu finden, ist gar nicht so einfach. Denn für fast alle Themen des Lebens – für die beste Arbeit, die richtige Selbstverwirklichung, für romantische Beziehungen oder die Beziehung zu den Eltern – dafür gibt es haufenweise bessere oder schlechtere Antworten, es gibt Träume, die erfüllt werden oder nicht, Wünsche, die man hat und denen man nachgehen kann oder nicht, Therapeut:innen, mit denen man darüber spricht. Aber für Freundschaften?

Klar, es gibt da einige – auch sehr mächtige – Bilder, die wir von Freundschaften haben: Die besten Kumpels, die auf einer Sauftour unterwegs sind oder die Sport-Buddies, die mit dem Fahrrad ein Abenteuer erleben, die zwei besten Freundinnen, die sich alles erzählen, die Freundin, bei der man einfach so sein kann, wie man ist, ohne was darstellen zu müssen, die Gruppe an Friends, die sich gemeinsam um den festlichen Tisch versammelt, die Grillpartys schmeißt oder gemeinsam auf Urlaub fährt. Es gibt Bilder von Jugendfreunden, deren Kinder miteinander spielen oder sich ineinander verlieben und von den zwei alten Ladies auf der Parkbank, die weit nach dem Tod ihrer Ehemänner immer noch miteinander verbunden sind. Es gibt die 5 Freunde, die 3 Fragezeichen und Bibi und Tina, es gibt Buddy-Filme und Freundschaftsromane, es gibt Grace and Frankie und die Golden Girls.

Es gibt also, wenn man so will, genügend Bilder von Freundschaften und damit verbunden auch einiges an Erwartungen, Wünschen oder Sehnsüchten.

Und dann gibt es die Realität: In der in gewissen Lebensabschnitten enge Freundschaften entstehen, weil die Zeit und der Raum es zulassen. In denen Verbindungen geschaffen werden, weil man miteinander wohnt, erste Erfahrungen teilt, weil man gemeinsam am Ferienlager war oder die Militärzeit durchgestanden hat. Und dann gibt es wiederum die Zeiten, in denen sich Lebensumstände ändern, Wege trennen. Die einen Kinder bekommen, die anderen nicht. Die einen sich in neuen Reichtum hineinarbeiten, die anderen nicht. Was verbindet einen dann noch? Und was passiert, wenn sich Umstände ändern, und möglicherweise wieder Freundschaften zerbrechen?

It’s Your Friends Who Break Your Heart, so der Titel eines Artikels im Atlantic. Oder: Should Friends Offer Honesty or Unconditional Support? Und dann: What to Do When Your Friends Disappoint You

Freundschaften, so steht es in all diesen Artikeln, fühlen sich manchmal so undurchschaubar an, weil es keine eindeutigen Regeln gibt. Es gibt keine Verträge und damit auch keine direkten Verpflichtungen. Die Bandbreite davon, was eine (gute) Freundschaft ist und was nicht, kann sich ändern. Und: Wir gehen Freundschaften freiwillig ein. Das heißt auch, dass uns bewusst ist, dass wir sie beenden könnten. In Freundschaften navigieren wir also auch immer einen mehr oder weniger großen Anteil an Unsicherheit und Distanz. Wieviel Wahrheit soll man Freund:innen zumuten? Die Antwort darauf ist für die meisten Menschen: In der Theorie alles, in der Praxis: geht so. Wir sind – was erwachsene Freundschaften angeht – ein bisschen lost.

Wenn das mal kein Druck ist

Historische Schwarzweißaufnahme: vier Frauen liegen am Ufer
ca. 1898. Foto aus dem Public Domain Image Archive von Theresa Babb.

Gleichzeitig erklärt uns die Welt der Wissenschaft, dass Freundschaften nicht nur nice to have, sondern essenziell wichtig für unsere Gesundheit und Lebenserwartung sind. Eine relativ große Meta-Studie, also eine Studie, die andere Studien zusammenfasst, hat folgendes herausgefunden: Egal mit welcher Ausgangslage die Teilnehmer:innen der Studie starten (egal welches Geschlecht, welcher Gesundheitszustand, welche soziale Klasse), am Ende des Tages gibt es ein sehr viel höheres Risiko zu sterben, wenn man einsam ist, als wenn man in ein gutes soziales Netz eingebunden ist. Die Studie besagt, dass der Zusammenhang zwischen guten sozialen Beziehungen und Sterblichkeit so groß ist, dass einsame Menschen ein ähnlich hohes Risiko zu sterben haben wie Raucher:innen.

Dazu kommt – das ist auch klar – die öffentliche Bilderflut, die uns Social Media beschert. Wer zu wenige oder zu wenig sichtbare Freunde hat, um den ist es schlecht bestellt. Haben wir deshalb ein Gefühl des Mangels? Sind wir deshalb auf der Suche nach neuen Freund:innen? Oder ist es einfach nur verdammt schwer, neue Freund:innen zu finden, und das Gefühl des Mangels deshalb kein injiziertes, sondern ein ehrliches?

Wie findet man neue Freund:innen?

Als Kind ist es ja vergleichsweise noch leicht, Freundschaften zu schließen. Es ist mehr oder weniger so, wie Jerry Seinfeld das in einem berühmten Witz erzählt:

Wenn man ein Kind ist, was waren da unsere Anforderungen? In dem Moment, in dem jemand vor meinem Haus steht, in dem Moment war das mein Freund. Bist du erwachsen? Nein!? Super, dann komm rein!! Lass uns auf meinem Bett rumspringen!!!! Und wenn man zusätzlich dann noch irgendwas gemeinsam hat, sowas wie: Du magst Kirschsoda?! Ich mag Kirschsoda! Na dann sind wir beeeeste Freundeeeee!!!!!!
Historische Schwarzweißaufnahme: zwei Frauen in einem Ruderboot
Foto ebenso von Theresa Babb, um 1900.

Was sind die Anforderungen von Menschen, die älter als dreißig sind, um jemanden ins Haus zum Spielen einzuladen? Braucht man immer ein Kirschsoda, also etwas, das man gemeinsam hat?

Das Thema Neue Freunde finden scheint ein so großes Thema zu sein, dass daraus eine ganze Industrie entstanden ist. Seit den 2010er-Jahren spricht man von der Friendship Industry. AI-Produkte wie friend, ein AI-Agent, den man in Form einer Kette um den Hals trägt und die – quasi selbstironisch – damit wirbt, dass dieser Freund immer zuhört, ist nur ein Auswuchs davon. Weit weniger dystopisch sind Apps wie Timeleft, die damit werben, unbekannte Menschen zu einem Dinner an einem Tisch zu versammeln, die vorher – über einen Fragenkatalog – miteinander gematcht werden.

Wie das ablaufen kann und was man sich von so einem Neue-Leute-kennenlernen-Dinner erwarten kann, das hat Ilona für das Kurious Mag getestet. Sie ist vor Kurzem nach London gezogen und auf der Suche nach neuen Freund:innen, die zumindest in der gleichen Stadt leben. Wie seltsam man sich dabei vorkommt, wenn man auf Menschen zugeht, die man nicht daten, sondern mit denen man befreundet sein will, wie schnell man auf Community-Events ins Gespräch kommt und was eben bei diesem Dinner rausgekommen ist, darüber erzählt sie euch im Podcast. Und ein bisschen auch in ihrem Selbstversuch in London.

Friendship is a love story

Gruppenfoto: Menschen in bunten Kostümen vor einem Haus
© Privatarchiv

Wer sonst nach Guidance sucht, um auch bestehende Bekanntschaften in Freundschaften umzuwandeln oder um sich mit langjährigen Freunden zu beschäftigen, von denen man sich möglicherweise auch ein bisschen entfernt hat, denen wollen wir Esther Perel ans Herz legen. Esther Perel ist in den letzten Jahren wohl zu der öffentlichen Paartherapeutin geworden, die viele spannende und ehrliche Dinge über Intimität, Sexualität und über die Fragen von Distanz und Nähe zu sagen hat. In ihrem Podcast Where should we begin, der Vorlage für viele andere Podcasts war, kamen echte Paare in eine Einzelstunde, um über ihre Beziehungsprobleme zu sprechen.

Und weil sie sagt, „Friendship is a love story“, gab es auch zwei Freundschaftspaare, die auf ihrer Couch Platz genommen haben. Denn: „Everybody has questioned their friendships over time.“ Alle stellen irgendwann ihre Freundschaften in Frage.

Einer der schönen Aspekte von Freundschaften, die lange andauern, ist, so die Ansicht von Esther Perel, dass Menschen dadurch zu Zeug:innen unseres Lebens werden. Langjährige Freund:innen sehen uns zu, wie sich in unserem Leben Dinge verändern. Sie waren dabei oder daneben. Sie begleiten uns.

Was sagt nun also die Paartherapeutin zur Frage, wie man Freunde findet? Ihre Antwort ist: (1) Such dort, wo du schon bist. Such in deinem Umfeld und werde aktiv. Schreib der Person, mit der du schon länger keinen Kontakt hattest, die dir aber im Kopf herumschwirrt, einen Brief (oder eine Nachricht). Du weißt nicht, wer das sein soll? Dann (2) mach dein soziales Netz sichtbar. Wer waren in deinem bisherigen Leben wichtige Personen? Lehrer:innen, Mentor:innen, Nachbar:innen? Man kann gar nicht glauben, so Esther Perel, wie viele Menschen mit ihren ehemaligen Lehrer:innen befreundet sind. Wenn dir das auch nicht hilft, dann (3) erweitere deinen Kreis: Organisiere ein Essen oder ein Picknick, zu dem jede eingeladene Person ein oder zwei Freund:innen mitbringt, die sonst niemand kennt. So lassen sich unterschiedliche Freundesgruppen zusammenführen. Und dann (4): Stelle Fragen, die dich interessieren. Statt eine neue Person zu fragen, was sie arbeitet, frag sie doch, was sie beschäftigt.

Polaroid: zwei Kinder auf einer Wiese
© Privatarchiv

Wer noch mehr gute Tipps haben will, kann natürlich bei Esther Perel weiterlesen. Oder bei Leonie-Rachel Soyel (Host des Podcasts Couchgeflüster) gleich hier in der Kolumne. Dort geht es auch um die Frage, wie wir für Freundschaften Rituale etablieren können und damit den Freundschaften oder Freundinnenschaften den Stellenwert geben, der eigentlich wichtig wäre.

Außerdem im The Kurious Magazine #01

Ein Artikel darüber, wie sich Freund:innenschaften verändern (müssen), wenn eine Person beschließt, ihrer Sucht zu entkommen und ein nüchternes Leben zu leben. Mia Gatow, Host des Podcasts Sodaklub und Autorin des Buchs Rausch und Klarheit, hat da ein paar schöne Gedanken dazu. (S. 20)

Ein Gespräch mit Charlotte Fuentes, Sammlungsleiterin des Museums of Broken Relationships. (S. 16)

Zwei Freundschaftspaare im Meet Cute. (S. 23)

Und … wer Freund:innenschaften ein bisschen weiter fassen will: Ab Seite 97 könnt ihr auch über die Beziehung von Ameisen und Pilzen lesen. Viel Spaß!

Zum Anhören
Dieser Text ist zuerst im gedruckten The Kurious Magazine erschienen. Das ganze Heft gibt es hier.
The Kurious Magazine
Issue One
008–011